Die Praxis des Karma Yoga

Karma Yoga ist der Yoga im Alltag, in unserem alltäglichen Leben: Wie handle ich, wie denke ich, wie reagiere ich? Durch Karma Yoga können wir unsere gesamte wache Zeit nutzen, um uns zu entwickeln. Auf diese Weise bietet der Karma Yoga das größte Wachstumspotential aller Yoga-Wege!


Idealerweise wird der Karma Yoga mit anderen Yoga-Wegen kombiniert, sodass wir dann vom „Integralen oder ganzheitlichen Yoga“ sprechen. Denn vom täglichen Üben von Pranayamas und Asanas, von Gebet und Meditation gewinnt unser Karma Yoga an Qualität. Umgekehrt beeinflusst der Karma Yoga auch unsere tägliche Übungspraxis.

 

Konzentration und Bewusstheit

Ein Aspekt des Karma Yoga ist der der Konzentration und Bewusstheit beim Handeln.
„Man sollte nur eine Arbeit auf einmal machen. Vollkommenes Vertiefen in die Arbeit wird den Geist allmählich trainieren, seine gewöhnliche Unruhe und Zerstreutheit zurückzulassen. Wenn du dich in deine momentane Arbeit mit ungeteiltem Eifer und größter Aufmerksamkeit vertiefst, wirst du für deine Meditation größten Nutzen ziehen.“
Swami Satyananda

Das vollständige Konzentrieren auf die momentane Tätigkeit, so schwer sie auch manchmal fallen mag, hat einige sehr große Vorteile:

  • Mit der Konzentration nimmt auch die Arbeitsfreude zu. Dies ist ein interessanter Mechanismus, den zu nutzen sehr ratsam ist. Je mehr wir uns in die Arbeit vertiefen, desto faszinierender und interessanter wird sie und so können sogar eintönige oder unangenehme Arbeiten an Reiz gewinnen.
  • Wie Satyananda oben ausführte, können wir, wenn wir auf diese Weise handeln oder arbeiten, unsere Konzentrationsfähigkeit deutlich steigern, wovon nicht nur die Meditationsübung profitiert, sondern auch allgemein unser Geist klarer und ruhiger wird.
  • Konzentriertes Arbeiten kann die Ergebnisse, die Arbeitsleistung stark erhöhen. Wir müssen lediglich darauf achten, dass wir innerlich frei bleiben von Erwartungen bezüglich unserer gesteigerten Arbeitsleistung!

Durch die erhöhte Effektivität unseres Handelns gewinnen wir Zeit und Energie - und können die so gewonnenen ressourcen sofort in Yoga-Übungen investieren!

Wenn du dir vornimmst, jede einzelne Handlung, die du vollbringst, zu einem Kunstwerk zu machen, erhält die Handlung enorme Energie und damit Qualität. Fühle dich bei jeder Handlung wie ein Künstler, der ein einmaliges Kunstwerk schafft. Wenn du dabei Abstand zu den Ergebnissen des Handelns zu gewinnen vermagst und ganz im Schaffen aufgehst - sei es Geschirrspülen, Büroarbeit oder Autofahren - so praktizierst du im besten Sinne Karma Yoga.

 

Selbsterkenntnis und innere Reinigung

Sowohl die Konzentration auf die jeweilige Tätigkeit als auch die Anforderung, erwartungslos zu handeln, bedingt eine sehr achtsame und bewusste Haltung bei jeglichem Tun. Durch diese Achtsamkeit, die mit Selbstbeobachtung verbunden ist, gewinnen wir wertvolle Einsichten über unser Denken, Urteilen, Empfinden, über Motivation und innere Impulse. Durch die Klarheit, die wir so über unseren eigenen Geist, über die eigene Persönlichkeit gewinnen, beginnt von selbst ein allmählicher Reinigungsprozess, der für unseren Fortschritt im Yoga, für unsere gesamte Entwicklung als Mensch von großer Bedeutung ist.

„Viele Menschen ziehen sich in die Einsamkeit zurück, um Frieden zu finden. Sie verstehen nicht, dass sie die Quelle ihrer Unzufriedenheit mit und in sich tragen. Einige Menschen verbringen viele Jahre in der Einsamkeit und finden doch den so verzweifelt gesuchten inneren Frieden nicht. Der Grund dafür ist einfach: Es ist sehr schwierig, seine geistigen Probleme zu erkennen und zu lösen, wenn es keine Interaktion mit anderen Menschen gibt. Die mentalen Probleme bleiben bestehen und wirken als Spannungsherde, die meist unerkannt bleiben. Die meisten Menschen können nur durch Kontakt mit anderen Menschen diese Spannungen erkennen und auflösen.“
Swami Satyananda

Es ist leicht einzusehen, dass die angesprochenen mentalen Probleme nicht nur in unserem alltäglichen Leben für Spannungen sorgen und unsere Lebensqualität beeinträchtigen, sondern dass sie sich auch auf unsere Meditation nachteilig auswirken. Karma Yoga kann helfen, diese im Unbewussten liegenden Störenfriede zu entschärfen.


Dieser Aspekt des Karma Yoga ist wohl vielfach ein recht unbequemer und unangenehmer, jedoch unverzichtbarer Teil einer ganzheitlichen Entwicklung zu einem voll entfalteten, heilen und gesunden Menschsein.

 

Erwartungslos handeln

Gewöhnlich motiviert uns ein in der Zukunft liegender Aspekt der Handlung zum Handeln: Die Belohnung, wenn wir gute Arbeit machen oder eine mögliche Bestrafung, wenn wir sie nicht gut erfüllen. Karma Yoga bedeutet, primär dem Gegenwarts-Aspekt der Tätigkeit Aufmerksamkeit zu schenken: Die Aufgabe ist da und ist zu erledigen. Damit konzentriere ich mein Sein in der Gegenwart, während der Zukunftsaspekt, eben die Früchte des Handelns, im Hintergrund bleiben. Die Arbeit erhält dadurch Leichtigkeit und Freude, sie wird zum Spiel. Denn die Arbeit wird wegen eines bestimmten Ergebnisses wegen gemacht, das Spiel aber um seiner selbst willen.

Durch Karma Yoga versuchen wir, unsere Anhaftung an Dinge und Ereignisse zu lösen: „Anhaftung bringt Schmerz und Elend, während Loslassen Ruhe und Zufriedenheit hervorbringt. Versuche, deine derzeitige Haltung zu verändern und Losgelöstheit in jedem Aspekt deines Lebens zu fühlen. Du wirst Entspanntheit und schließlich ein erweitertes Bewusstsein erfahren.“
Swami Satyananda

Wie in allen anderen Yoga-Wegen spielt das Ego auch im Karma-Yoga eine große, ja zentrale Rolle. Das Ego liebt die Anhaftung. Das Ego liebt es, sich in die Vergangenheit und in die Zukunft zu bewegen. Das Ego liebt es, Dinge aus einem persönlichen Antrieb zu tun und Belohnung dafür zu erwarten. Andererseits verabscheut das Ego das Prinzip des Karma Yoga. Denn Karma Yoga ist das Ende des Egos: Wir wollen ichlos, egolos handeln. Karma Yoga ist der Weg, unser Ego, den größten Störenfried und Unruhestifter auf Erden, mit Stumpf und Stiel auszurotten. Es wird sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen. Deshalb ist der Karma Yoga ein ständiger innerer Kampf. Doch wer DIESEN Kampf gewinnt, ist der wahre Held!

 

Entsagung

Ein in der Yoga-Philosophie häufig anzutreffender Begriff ist Entsagung (Sannyasa). Der Entsagende trägt einen langen Bart, einen geschorenen Kopf und eine orangene Robe - so stellt man sich den klassischen Entsagenden oder Sannyasin vor.


In unserer modernen westlichen Welt sieht das Prinzip der Entsagung allerdings anders aus. Das wahre Entsagen ist ein innerer, rein geistiger Prozess des Loslösens von Verhaftungen und Abhängigkeiten. Es ist nicht notwendig, sein Haus zu verkaufen oder seine Familie zu verlassen. Entsagung bedeutet, eine innere Distanz zu allen Dingen der Welt zu entwickeln, etwa in der gleichen Weise, in der man ein Spiel betrachtet.

 

Tatsächlich ist die Welt ein Spiel, und wir sind die Schauspieler. Wir können uns auch als Gäste auf der Welt betrachten, so wie Durchreisende: Wir leben in dieser Welt, sind aber nicht von dieser Welt.


Wie betrachtet das Kindermädchen die ihm anvertrauten Kinder? Es sorgt aufs beste für sie, gleichzeitig ist es sich jeden Augenblick bewusst, dass es nicht die eigenen sind. Das Kindermädchen ist verhaftungslos gegenüber den fremden Kindern, und so sollten wir verhaftungslos gegenüber allen Dingen der Welt sein - denn unser wahres Heim ist anderswo ...


Was sagt die Bhagavad Gita zum Wesen der Entsagung?
„Nur der ist wahrhaft entsagend, der weder hasst noch begehrt. Wenn in ihm kein Zwie-spalt ist, so kann er leicht von den Banden der Vielheit freiwerden. Wer allen Plänen entsagt hat, und weder an sinnlichen Gegenständen, noch an Werken hängt, der wird ein vollkommener Yogi genannt.“

BG 5,3 und 6,4

 

Karma Yoga Meditation

Jeder Yoga-Weg hat seine eigenen Meditationstechniken. Die Meditationstechnik des Karma Yoga ist es, das tägliche Handeln, die Arbeit in eine Meditation zu verwandeln. Während man sich bei den anderen Yoga-Wegen von den Tätigkeiten des Alltags zurückziehen muss, um in Stille und Abgeschiedenheit zu meditieren, wird im Karma Yoga die Tätigkeit selbst zum Konzentrationsobjekt, wie der alte Zen-Mönch sagte:
„Wie wunderbar, wie geheimnisvoll: Ich hacke Holz, ich trage Wasser!“

 

Indem wir ganz in der momentanen Tätigkeit aufgehen, sie nicht als Mittel zum Zweck betrachten, sondern als Ziel in sich selbst, indem wir sie „ichlos“ tun und Erwartungen und Wünsche zurücklassen, verändert sich unsere Einstellung und die Arbeit wird zu einer meditativen Erfahrung.

 

 

Auszug aus "Ganzheitlicher Yoga"