Prana, Shakti und Kundalini

Prana, die Lebensenergie, ist der Schlüsselbegriff im Hatha Yoga. Die Weise, wie sich Prana bewegt, bestimmt unser ganzes Leben. Prana und Geist sind auf das engste verbunden. Wenn man das eine kontrollieren kann, so ist auch das andere unter Kontrolle. So strebt der Hatha Yoga die Kontrolle und Transformation des Pranas an, und das Ergebnis ist die Kontrolle und die schließliche Transformation des Geistes. Der Raja Yogi geht den direkten Weg und arbeitet durch Konzentration, Achtsamkeit und Meditation am Geist, wodurch auf der pranischen Ebene entsprechende Veränderungen erzeugt werden.


Wir müssen zunächst ein rechtes Verständnis dafür aufbauen, was Prana ist. Ein Vergleich, der uns dabei helfen kann, ist folgender: Du siehst einen Baum und siehst seine Blätter sich bewegen. Aus der Bewegung der Blätter schließt du daraus, dass der Wind weht. Du siehst das Ergebnis, doch nicht die Ursache selbst; du schließt nur auf sie. So ist es mit Prana: Du siehst, was Prana bewirkt, siehst die Bewegungen von Menschen, ihre Gespräche und Emotionen, du siehst ein Feuer brennen, das Wasser fließen und wirst dir deiner eigenen Gedanken bewusst. All diese Beobachtungen sind Ausdruck des Pranas. Prana selbst ist wie der Regisseur hinter der Bühne. Es tritt nicht selbst in Erscheinung, sondern äußert sich in verschiedene Formen. Ein Schlüsselfaktor, durch den Prana sich manifestiert, ist die Atmung - deshalb wird der Atmung und ihrer Steuerung im Hatha Yoga große Bedeutung beigemessen.

 

 

Kundalini

Während Prana ein „technischer“ Begriff ist, ist Shakti der philosophische Begriff für das Prinzip der Kraft. Shakti ruht nach dem Schöpfungs- und Entfaltungsprozess als Kundalini-Energie in Muladhara Chakra. Sie wird als dreieinhalb Mal zusammengerollte Schlange dargestellt.

 

Die Schlange wird in den meisten Kulturen als Symbol sowohl des Unbewussten als auch der Weisheit und des Potentials für höchste Bewusstheit betrachtet. Drei Windungen der Kundalini symbolisieren die verschiedenen dreifachen Aspekte der manifesten Welt wie die drei Gunas und die drei Bewusstseinsebenen, die halbe Windung ist ein Zeichen der Transzendenz als das Potential des menschlichen Erwachens aus dem „Traum des Lebens“. Kunda heißt zusammengerollt, Kundalini bedeutet also „Die Zusammengerollte“, im übertragenen Sinn das menschliche Potential des Erwachens.


Kundalini ist in jedem Menschen aktiv, zumeist jedoch nur in einem geringen Ausmaß. Durch die Techniken des Hatha Yoga, aber auch anderer Yoga-Wege wie des Bhakti und Karma Yoga, wird ein subtiler, aber wirksamer Anreiz ausgelöst, Kundalini zu erwecken.

 

 

Hinweise zur Kundalini-Praxis

Bei unrichtigem oder unvorsichtigem Vorgehen können unbeabsichtigte Erweckungen und Bewegungen der Kundalini durch blockierte Energiebahnen entstehen, welche für ungewöhnliche und unangenehme Erfahrungen sorgen. Es ist daher sehr wichtig, dass wir bei der Arbeit mit dieser sehr mächtigen Energie zwei Grundprinzipien strikt befolgen:

  1. Die Intensität der Techniken darf nur langsam und allmählich über mehrere Jahre gesteigert werden. Dies betrifft die Haltedauer der Asanas, die Intensität und Dauer des Kumbhaka (Luftanhalten) sowie die Auswahl der Techniken. So dürfen bestimmte Techniken wie fortgeschrittene Pranayamas und bestimmte Mudras erst nach einigen Jahren regelmäßiger Praxis durchgeführt werden. Einige Techniken verlangen außerdem nach der Führung / Begleitung eines erfahrenen Lehrers.
  2. Das Praktizieren des Hatha Yoga muss mit einem „yogisch-reinen Lebenswandel“ verbunden sein, welcher die stark reinigenden Wirkungen der Übungen unterstützt. Dies ist besonders in den ersten Jahren des Übens von größter Bedeutung; später wird der Übende eine gute Sensitivität entwickelt haben, welche Lebensumstände für die Yoga-Praxis nicht förderlich sind, und diese aus eigenem Antrieb meiden. Die wichtigsten Faktoren sind die (sattvige) Ernährung, Verzicht auf Rauchen und Rauschmittel sowie das Befolgen der Yamas und Niyamas.

 

Es gilt, sich bewusst zu machen, dass besonders die Yamas eine höchst wirkungsvolle Reinigung des Astralkörpers erreichen, weshalb sie auch in der Hatha Yoga Pradipika besonders erwähnt werden.
Unsere Lebensenergie, das Prana, bewegt sich durch unsere Energiebahnen, die Nadis, in einer Weise, die in einem Zusammenhang mit unserem Bewusstseinsniveau, mit der Qualität unseres Denkens und unserer Wahrnehmungen steht. Durch die Hatha-Yoga-Techniken, die mit fortschreitender Übung sowohl intensiver als auch subtiler wirksam werden, nehmen wir auf verschiedenen Ebenen Einfluss auf das Energiegeschehen in den Nadis und Chakras und beginnen damit, auch unser Denken und Fühlen allmählich zu verändern. Insbesondere, wenn sich statt Ida und Pingala-Energie nun ein völlig neuer „Treibstoff“, nämlich Kundalini-Shakti, durch die Chakras bewegt, hat dies eine nie erlebte Bewusstseinserweiterung auf allen Ebenen des menschlichen Lebens zur Folge. Diese Beziehung zwischen Energie und Denken ist das ganze Geheimnis des Hatha Yoga.

 

 

Auszug aus "Ganzheitlicher Yoga"