Philosophie der Asanas

Asanas sind Körperstellungen, durch die gezielt Veränderungen im Prana-Körper ausgelöst werden: Die Lebensenergie wird zu bestimmten Körperteilen bzw. Chakras geleitet, gereinigt und umgeformt. Während für viele Menschen die Asanas lediglich Körperübungen sind, deren Ziel es ist, den Übenden gesünder zu machen und mit Energie aufzuladen, so liegt die wahre Natur der Asanas tiefer: Durch das Halten bestimmter Körperpositionen wird eine Veränderung tiefliegender pranischer Muster, welche unser Denken, Fühlen und Wahrnehmen bestimmen, angestrebt.

 

Die in Yoga-Büchern beschriebenen Wirkungen der Asanas beziehen sich zumeist auf die physische Ebene und damit auf die Wirkungen im anatomisch-physiologischen Bereich. Für die Praxis der Asanas ist es jedoch wichtig zu verstehen, dass die Wirkungen auf der physischen Ebene eine „erwünschte Nebenwirkung“ darstellen, und dass die verschiedenen Asanas ihre eigentliche Wirkung in subtileren Ebenen des Menschen entfalten.


 

Asanas und die Gunas

Einer der Wirk-Aspekte der Asanas bezieht sich auf die Gunas, die Eigenschaften der Natur: Der Weg des Yoga ist ein fortschreitender Prozess der Reinigung unserer Energiequalität von einem Tamas-orientierten Sein über Rajas hin zu Sattva, welches das Tor zum Ziel des Yoga darstellt. Asanas, auf korrekte und achtsame Weise durchgeführt, haben die Eigenschaft, Tamas und Rajas zu reduzieren und Sattva zu erhöhen: Die Schwerfälligkeit des Tamas wird durch Asanas, die der Schwerkraft entgegenwirken (Standstellungen, rückwärts beugende und Gleichgewichtsstellungen) sowie durch das Sonnengebet aufgelöst, Rajas wird durch längeres stilles Halten der Positionen (Kopfstand, Vorwärtsbeuge, Sitzstellung) reduziert, und schließlich wird Sattva durch Sitz- und Gleichgewichtsstellungen gefördert.

 

 

Die "Botschaft" der Asanas

Jede Asana hat aufgrund der Stellung der einzelnen Körperteile zueinander eine ganz bestimmte Qualität, die man als die Botschaft oder das Geheimnis der Asana bezeichnen könnte. So spüren wir in der Krieger-Stellung Kraft, Kontrolle und innere Stärke, im Kopfstand eine Umkehrung bestimmter Qualitäten und Prozesse, welche vom Vorgang des Alterns bis hin zu Stärkung der Fähigkeit, neue Sichtweisen zu entwickeln reichen kann, und in der Vorwärtsbeuge mögen wir einen Sog nach innen, zum Zentrieren, zum Ruhen verspüren. Sich diese „Botschaft der Asanas“ beim Üben bewusst zu machen, wird deren Tiefenwirkung weiter verstärken.

 

 

Umprogrammieren des Energiekörpers

Asanas beeinflussen direkt die Haupt- und viele Nebenchakras. Zum einen wird die Energiequalität erhöht und das betreffende Chakra wird auf das Öffnen vorbereitet, was eine unabdingbare Voraussetzung für das Erwecken der Kundalini-Energie ist, zum anderen werden auch die subtileren Ebenen der Energiequalität der Chakras verändert, sozusagen die „astralen Chromosomen“ umprogrammiert: Asanas, achtsam und richtig praktiziert, programmieren unseren Energiekörper um, langsam aber sicher.

 

 

Patanjali und Asanas

Einige wertvolle Hinweise zu den Asanas finden wir in der Yoga-Sutra von Patanjali, der wohl meistkommentierten klassischen Yoga-Schrift. Patanjali sagt in der Yoga-Sutra 2,46: „Sthira-sukham-asanam“: Die Asana soll die Qualität der Stille und der Leichtigkeit besitzen.

 

Durch das Stillhalten wird ein Tiefergehen der Wirkungen bis zu den feinstofflichsten Regionen überhaupt erst ermöglicht. Gleichzeitig vermag sich in der vollkommenen Ruheposition des Körpers unsere Achtsamkeit für die Wahrnehmung einer tieferen Wirklichkeit zu öffnen.

 

Die Leichtigkeit der Asana bedeutet Sattva, etwas Helles, Klares, Reines. Leichtigkeit bedeutet auch Loslassen von inneren Spannungen, Blockaden, aber auch von Erwartungen, Wünschen, Urteilen, ein Loslassen aller gedanklichen Bewegungen. Leichtigkeit heißt auch, sich vom „Machen“ zu lösen und sich in den Modus der vorbehaltlosen Öffnung, des Empfangens zu begeben. Den vollen Segen der Asanas können wir niemals „abholen“; wir können uns nur durch vollständiges Öffnen und Loslassen dafür bereit machen.


So rät uns Patanjali in der nächsten Sutra, 2,47: „Die Stellung wird durch Loslassen von Spannungen und durch Meditation auf das Unendliche gemeistert.“ Dies bedeutet: Bringe den Körper in die jeweilige Position, löse alle Spannungen und lasse den Körper zurück, indem du deinen Geist vollständig auf das Unendliche, auf Atman richtest. Wenn du in deinem Körper nicht mehr anwesend bist mit all deinen Gedanken, Urteilen und Hoffnungen, dann kann die Asana erst voll wirksam werden, denn dann ist sie mit deinem Körper sozusagen allein. Überlasse deinem Körper der Asana – sie weiß am besten, was zu geschehen hat; und jeder Gedanke deines Tagesbewusstseins würde hier nur stören.

Schließlich sagt Patanjali in Sutra 2,48: „Durch die Meisterung der Asana wird man frei von den Angriffen der Gegensatzpaare.“ Die Dvandvas, die Gegensatzpaare, die unter anderem als Raga-Dvesha, als Gier und Haß, auftreten, sind eng verbunden mit der Rajas-Qualität, die durch längeres Halten der Asanas aufgelöst wird.

 

 

Eine neue spirituelle Dimension

Yoga strebt das Öffnen einer neuen, einer spirituellen Dimension an, was auf viele verschiedene Weisen geschehen kann. Der Weg der Asanas ist es, auf der körperliche Ebene in eine „nichtmenschliche Verfassung“ einzutreten. Da die menschliche Verfassung durch ständige Veränderung der Körperposition, sogar im Schlaf, gekennzeichnet ist, stellt die Asana eine ideale Möglichkeit dar, eine völlig neue Körpererfahrung zu erlangen, wie Mircea Eliade beschreibt:


„Das Asana ist der erste konkrete Schritt zur Aufhebung der menschlichen Existenzmodalitäten ... Durch die unbewegliche, hieratische Stellung des Körpers soll eine andere, nichtmenschliche Verfassung nachgeahmt werden. Der Yogi im Zustand des Asana kann einer Pflanze, einem Götterbild gleichgesetzt werden, keinesfalls aber einem Menschen, der ja seiner Definition nach ein bewegliches, unruhiges, arhythmisches Wesen ist. Das Asana ist eine ekagrata auf körperlicher Ebene, eine Konzentration auf einen einzigen Punkt; der Körper ist "gespannt", in einer einzigen Stellung konzentriert. Wie die Ekagrata dem Fluktuieren und der Zerstreuung der Bewusstseinszustände ein Ende macht, so das Asana der Beweglichkeit und Verfügbarkeit des Körpers, indem es die unendliche Zahl möglicher Stellungen zu einer einzigen archetypalen, ikonographischen Positur reduziert.“

 

(Anmerkung zum Geschlecht von Asana: In der modernen Literatur wird Asana dem Neutrum zugeordnet, während sich im Sprachgebrauch das Femininum etabliert hat. In diesem Artikel halte ich mich weiterhin an „die Asana“)

 

 

Stärkung innerer Qualitäten

Asanas streben die Stärkung bestimmter scheinbar äußerlicher Aspekte an, die jedoch immer mit einer inneren Qualität verbunden sind: Stellungen, die scheinbar auf die Körperkraft abzielen, fördern auch unsere innere Kraft, Gleichgewichtsstellungen nicht nur die Feinmotorik, sondern auch das innere Gleichgewicht und jene Stellungen, die die Beweglichkeit des Körpers herausfordern und entwickeln, zielen auf eine innere Qualität ab, die man als „Bereitwerdung für eine Erweiterung des Bewusstseins“ bezeichnen könnte.

So können wir Asanas als den äußerlichen Teil einer angestrebten inneren Wandlung betrachten und erfahren: Die Asana gleicht dem über Wasser liegenden Teil des Eisbergs – der größte Teil der Übung jedoch findet in den unsichtbaren Tiefen der geistig-psychischen Regionen des menschlichen Wesens statt: Hier werden pranische Ströme umgeleitet, Blockaden aufgelöst und Energieschaltstellen aktiviert. Durch all dies tritt allmählich eine Wandlung des Bewusstseins, der Wahrnehmung, eine Reinigung des Geistes statt.

 

 

Auszug aus dem Buch "Ganzheitlicher Yoga"