Einführung in Meditation

„Für die Reise nach innen brauchst du ein Fahrzeug.
Dieses Fahrzeug ist die Meditation.“
Swami Satyananda

Wir werden im folgenden einige Definitionen und Gedankenansätze betrachten, die uns in ihrer Gesamtheit helfen mögen, ein Bild und grundlegendes Verstehen zu erhalten, was die Meditation ist und was in der Meditation geschieht. Beginnen wir mit einer Begriffsdefinition:

 

Meditation - Eine Definition

Meditation bedeutet „Ausrichtung zur Mitte“ (lat. medius). Das trifft den Punkt sehr gut – ausrichten bedeutet, Energien, die sich zerstreuen, zu sammeln und auf einen Punkt, eine Sache zu richten (was ein Hinweis auf den im Zusammenhang mit der Meditation bedeutsamen Vorgang der Konzentration ist).

Dass wir uns in der Meditation zu unserer Mitte hin ausrichten, spricht eine Tendenz des Geistes an, nämlich die, sich bevorzugt nach außen zu wenden. Dieser Tendenz wirkt die Meditation entgegen und führt uns damit an den Quell unseres Seins und unserer Kraft. Der Geist, der Gedankenfluss wird, ähnlich Wasser, das in einen Kanal geleitet wird, in eine bestimmte Bahn, in eine Richtung gelenkt: Hin zu unserer Mitte.
Wir können damit – und dies ist nur eine der möglichen Definitionen – die Meditation als einen Vorgang des Sich-Einstimmens und Ausrichtens auf die kosmische oder göttliche Kraft beschreiben.


Der Yoga-Meister Swami Rama (1925 – 1996) hat Meditation wie folgt definiert und beschrieben:
„Meditation ist eine spezifische Technik des „Ruhen-Lassens“ des Geistes, um einen Bewusstseinszustand zu erreichen, der sich grundlegend vom normalen Wachzustand unterscheidet. In der Meditation bist du vollkommen wach und aufmerksam, aber dein Geist ist nicht auf die Außenwelt und die Dinge, die in ihr stattfinden, gerichtet. Dein Geist ist auch nicht im Schlafzustand, und er träumt und phantasiert auch nicht. Dein Geist ist stattdessen klar, entspannt und nach innen gerichtet. Meditation erfordert eine Art innerer Aufmerksamkeit, die still und konzentriert und gleichzeitig entspannt ist.“

 

Stille des Geistes

Stille ist die Sprache Gottes.
Meditation ist, dieser Sprache zu lauschen.


Der Weise Patanjali lebte vor etwa 1900 Jahren; er wird allgemein als der Begründer des Raja Yoga angesehen. Patanjali hat eine Definition für Yoga formuliert, die uns einen guten Einblick in das Wesen der Meditation geben kann. Er sagte, dass Yoga, die Erfahrung der Einheit und Ganzheit, ein Zustand sei, der entsteht, wenn der Geist völlig ruhig geworden ist (Patanjali Yoga Sutra 1,2). In unserem Zusammenhang können wir die Meditation als jene Übung sehen, die den Geist zu dieser Stille führt. Damit können wir eine weitere Definition für Meditation ableiten:
„Meditation ist die Übung, den Geist zur Stille zu führen.“

Der Grund für dieses Streben nach Stille ist, dass die vielen Gedanken, Eindrücke, Emotionen und Wahrnehmungen, die unseren Geist bewegen, uns davon abhalten, unser inneres, göttliches Wesen zu erkennen und zu erfahren. Es gibt eine Geschichte, die das sehr schön illustriert:


Ein Mönch hatte sich in die Einsamkeit zurückgezogen, um sich ganz der Meditation und dem Gebet widmen zu können. Er wurde von einem Besucher gefragt, welchen Sinn er in der Zurückgezogenheit und der Stille sehe.
Der Mönch führte den Besucher zu der Zisterne und sagte: „Schau auf das Wasser. Was siehst du?“ Es war kurz vorher Wasser geschöpft worden und die Wasseroberfläche war noch unruhig. „Ich sehe nichts.“ sagte der Besucher.
Ein paar Minuten später bat der Mönch seinen Besucher, nochmals hinunter zu sehen. Die Wasserober-fläche war inzwischen ruhig geworden. „Was siehst du jetzt?“ „Jetzt sehe ich mich selbst.“ sagte der Besu-cher, der sein Spiegelbild im Wasser sah. Der Mönch nickte lächelnd.

Die Aufgabe der Meditation ist es, den Geist so still wie jene Wasseroberfläche werden zu lassen, sodass der Mensch sein eigenes innerstes Wesen erkennen kann.


Göttliche Wonne

Einst diskutierten die Götter, wo sie ihr göttliches Erbe, die höchste Freude und tiefen Frieden, vor den Menschen verbergen konnten. Einer war für den höchsten Berg, ein anderer für die tiefste Stelle im Meer – schließlich einigte man sich auf ein geniales Versteck: Man versteckte das göttliche Erbe im Menschen selbst.
Tief im Menschen verborgen ist der Quell göttlicher Freude. Eine Freude, die immer da ist, die von nichts abhängig ist als von unserer Bereitschaft, uns ihr zu öffnen. Der Mensch sucht ständig nach dieser Freude, und vergeblich sucht er sie in den Dingen der äußeren Welt. Es gibt jedoch einen Schlüssel, der uns das Tor zu dieser tief in uns selbst befindlichen Wonne öffnet. Dieser Schlüssel heißt Meditation.

 

 

Meditation und Religion

Auch wenn Meditation oft im Kontext der verschiedenen Religionen praktiziert wird, so ist es doch wichtig, sich bewusst zu machen, dass Meditation eine Form des Geistestrainings ist, die vor jedem religiösen Hintergrund, aber auch ohne Bezug zu religiösen Gedanken praktiziert werden kann.


„Meditation ist nicht Religion. Meditation ist keine geheimnisvolle oder fremdartige Praktik, die verlangt, dass du deinen Glauben änderst, deine Kultur verleugnest oder zu einer anderen Religion übertrittst. Meditation ist nicht Religion, sondern eine praktische, wissenschaftliche und systematische Technik, die zur Selbsterkenntnis auf allen Ebenen führt.
Religion lehrt die Menschen, woran sie glauben sollen, aber Meditation lehrt dich, wie du dich selbst direkt erfahren kannst.“
Swami Rama

Auf der anderen Seite kann die Meditation sehr gut mit religiösen Gedanken und Zielen verbunden werden, gleich, welcher Konfession man angehört oder zu welchem Ausdruck religiösen Bewusstseins man sich hingezogen fühlt. Das brachte eine Teilnehmerin eines Meditationsretreats sehr gut auf den Punkt:
„Ich möchte nur viel meditieren, um Gott ganz nahe zu sein.“
 
Und Swami Sivananda sagte:
„Meditation ist das Aufrechterhalten eines ununterbrochenen Gottesbewusstseins. Der Geist wird gesättigt von göttlichen Gedanken und göttlicher Gegenwart.“

Diese beiden Ansätze scheinen sich zu widersprechen, können aber dennoch beide erfolgreich eingesetzt werden: Jeder Mensch wähle den Zugang, der sich für ihn authentisch und wesensgemäß anfühlt.

 

 

Auszug aus dem "Handbuch Meditation" von Arjuna P. Nathschläger