Einführung in Mantras

„Mananat Trayate Iti Mantrah“ sagen die klassischen Schriften. Das bedeutet: „Was durch geistige (Manas) Wiederholung zu Befreiung (Trayate) führt, das ist Mantra.“ Eine weitere Interpretation dieser Aussage ist: „Was uns vom Geist befreit (und uns für Dimensionen jenseits des Geistes öffnet), das ist Mantra.“
Swami Sivananda definiert Mantra wie folgt: „Ein Mantra ist mystische Energie, die in eine Klangstruktur eingeschlossen ist.“
Eine Definition von Wilfried Huchzermeyer lautet: „Mantra ist ein Wort, eine Silbe oder Formel, welche eine besondere emotionelle, magische oder spirituelle Kraft in sich trägt.“

Mantras sind also heilige Klänge, Schwingungen, die mit psycho-spiritueller Kraft geladen sind und spezifische Wirkungen im Geist des Praktizierenden und in seiner Umwelt hervorbringen können. Mantras überschreiten das Wirkfeld der geistig-intellektuellen Kraft, sie sind Instrumente einer meditativen Transformation, Instrumente, die über ein magisches Potential verfügen.

 

Das Konzept der Mantras

Nach den Mantra-Shastras (Schriften, die die Wissenschaft des Mantra-Yoga beschreiben) befindet sich das Universum in einem Zustand der Vibration – Schwingung ist die tiefere Wirklichkeit des Universums, der gemeinsame Nenner aller materiellen und immateriellen Erscheinungen unseres Kosmos. Schon sehr früh entdeckte der Mensch, dass durch spezifische Klänge, insbesondere, wenn sie über eine bestimmte Zeit wiederholt bzw. fortgesetzt wurden, erstaunliche Wirkungen im Geist des Menschen, aber auch in seinem Körper und seiner Umwelt entstehen können.


Mystiker und Heilige früherer Jahrhunderte, Zauberer und Priester vergangener Völker haben viel tiefer gehendes Wissen über die Macht der Klangenergie gehabt als wir. Schon schamanistische Kulturen von vor 10.000 Jahren kannten die Wirkung von gleichmäßigem, eintönigem Trommeln und Gesang. Man entdeckte auch, dass das energetische Prinzip des Klanges tiefer reicht als der hörbare Klang, tiefer als Schallwellen: Der Weg zum inneren Klang und zur inneren Rezitation heiliger Laute und Mantras war gefunden.


So entstand in Indien vor mehreren Jahrtausenden die Wissenschaft des Mantra-Yoga, die die Kraft von bestimmten Klängen studiert und das geistig-spirituelle Potential der Klangenergie bewusst einsetzt, um im Geist des Menschen, aber auch in seiner Umwelt, bestimmte Wirkungen zu erzielen. Die Anwendung von Mantras umschließt die meisten Bereiche des Lebens:
- Heilung und Schutz
- Erfolg und Wachstum
- Spirituelle Entwicklung bis zur Erleuchtung
Durch das konzentrierte und exakte Rezitieren von Mantras greifen wir in die Grundvibration des Kosmos auf ebenso subtile wie direkte Weise ein und können so Wirkungen hervorbringen, die durch keine andere Methode möglich ist.

 

 

Mantras und Sanskrit

Mantras werden in Sanskrit, einer mindestens 3500 Jahre alten Kultursprache, rezitiert. Sanskrit ist die Sprache der Veden und der Brahmanen. Sie ist zum einen eine klangenergetisch sehr klar und strukturiert aufgebaute Sprache, denn ihr Alphabet ist nach dem Entstehungsort des Klanges im Mund aufgebaut und umfasst alle Klänge, die dem menschlichen Sprachorgan möglich sind. Zum anderen sind die fünfzig Buchstaben des Sanskrit-Alphabets energetisch mit den sechs Hauptchakras verbunden; jeder Laut ist einem bestimmten Chakra zugeordnet und aktiviert dieses, wenn er ausgesprochen wird – so entsteht die geheimnisvolle Wirkung der Mantras auf unsere Chakras, auf unseren Astralkörper.


Die Philosophie hinter den Sanskrit-Mantras ist, dass die Klangvibrationen der verschiedenen Sanskritworte (eher die sogenannten „Sanskritwurzeln“) mit der Eigenschwingung dessen, was sie bezeichnen, die höchste und direkteste Beziehung aller Sprachsysteme hat. Wenn wir zum Beispiel das Wort „Asana“ aussprechen, so hat dieser Klang eine sehr hohe Korrelation zu dem tieferen Wesen (dem Schwingungsprinzip) der Körperstellung, und diese Korrelation ist größer als wenn ich den entsprechenden Ausdruck einer anderen Sprache, etwa „Stellung“ oder „pose“ aussprechen würde. Wir gelangen durch das Anwenden der Sanskrit-Sprache sozusagen einen Schritt näher an das Wesen der Wirklichkeit als dies mit anderen Sprachen möglich wäre. Deshalb wird den Sanskrit-Mantras eine solch außergewöhnliche Kraft nachgesagt.

 

 

Ebenen der Mantra-Anwendung

Die ebenso umfangreiche wie exakte Wissenschaft des Mantra-Yoga erlaubt ein weites Spektrum praktischer Anwendung der heiligen Klänge:


1.  Mantra-Meditation

Das Mantra wird, meist im Atemrhythmus, geistig rezitiert und bildet damit das Meditationsobjekt. Der Fokus bei dieser Meditationstechnik kann, je nach Neigung, mehr auf der Synchronisation mit der Atmung, auf der Klangstruktur oder auf dem Fühlen der Energie der betreffenden ishta devata, der mit dem Mantra verbundenen Gottheit liegen. Die Meditation mit einem Mantra ist die in den meisten Yoga-Traditionen gebräuchlichste Form der Meditation, da hier die Wirkungen der Mantra-Energie zu jenen der Konzentration „addiert“ werden.


2. Japa

Wird die Rezitation eines Mantras mit Hilfe einer Japa Mala, einer Art Rosenkranz, durchgeführt und eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen geübt, so wird diese Form der Mantra-Meditation als Japa bezeichnet. Zu der geistigen oder auch gesprochenen Wiederholung des Mantras kommt hier das Weiterbewegen der Japa Mala hinzu, sodass bei dieser Technik Konzentration und die Klangenergie mit Achtsamkeit auf die physische Bewegung verbunden wird.


3. Mantra-Singen in der Gruppe

Ähnlich dem Kirtan-Singen in der Gruppe erhält die Mantra-Rezitation hier eine mit Gruppengröße ansteigende Energie, die jedermann deutlich wahrnehmen kann. Das melodiöse und oft sehr hingebungsvolle Mantra-Singen kann mit oder ohne Instrumente durchgeführt werden. 


4. Mantra-Rezitation in der Gruppe

Verglichen mit dem sehr melodiösen, oft mit Instrumenten begleiten Mantra-Singen macht das Mantra-Rezitieren einen etwas eintönigen, monotonen Eindruck. Hier wird eine andere Ebene unseres Wesens aktiviert, die Kraft des Mantras wirkt auf eine tiefere, subtilere Weise. Auch hier kann die Energie bei einer größeren Gruppe ganz enorm hoch sein.

 

 

Auszug aus dem Buch "Ganzheitlicher Yoga" von Arjuna P. Nathschläger