Einführung in Bhakti Yoga

Der Begriff Bhakti stammt von der Sanskritwurzel bhaj ab und bedeutet „liebende Hingabe“. Während die anderen Yoga-Wege unser geistiges Potential (Raja und Jnana Yoga), unsere Handlungskraft (Karma Yoga) oder unsere Körperenergien (Hatha Yoga) nutzen, ist Bhakti Yoga der Weg des Herzens, der Weg, der unsere emotionelle Kraft einsetzt, um zum Ziel unseres Daseins zu gelangen.

 

 

Emotion und Bhakti Yoga

Jeder Mensch verfügt über ein gewisses Potential an „Gefühlsenergie“. Wenn wir diese Energie, die sich oft (in Ermangelung besseren Wissens oder einer lenkenden Kraft) auf recht destruktive Weise ausdrückt (Hass, Aggression), umzuwandeln und zu kanalisieren vermögen, kann sie zu „Wasser auf der spirituellen Mühle“ werden und zu einer ungeahnten Entwicklung und zu schnellem Wachstum führen.


Bhakti Yoga ist der Prozess der Umwandlung und Ausrichtung unserer emotionellen Energien; Bhakti Yoga verwandelt „Emotion in Devotion (Hingabe)“.


„Emotionen sind eine unglaublich wirksame und große Kraft im Menschen. Das Leben der meisten Menschen wird von ihren Emotionen bestimmt. Wenn es dir gelingt, diese Kraft zu kanalisieren und zu konzentrieren, wird dein ganzes Wesen klar und konzentriert. Denn es ist unmöglich, den Geist zu beruhigen, wenn die Emotionen unruhig sind; es ist, als wolltest du das Meer beruhigen, wenn gleichzeitig ein Sturmwind weht.“
Swami Satyananda

Bhakti Yoga und der Intellekt

Viele Menschen versuchen, die Wahrheit, Gott und das Leben mittels ihres Intellektes zu erfassen; sie wollen Gott „verstehen“, sich die Wahrheit „erklären können“, doch dringen wir hier in Regionen vor, in denen der Intellekt das falsche Instrument ist. Bhakti, Gotteserfahrung ist nicht mit dem Geist zu verstehen, sondern nur mit dem Herzen zu erfahren.

Der Geist vermag uns ein Stück auf unserem Weg zu begleiten, doch der Erfahrung Gottes kann man sich nur durch das Öffnen des Emotionalkörpers nähern. Durch Bhakti vermögen wir Regionen zu betreten, die dem Intellekt auf ewig verschlossen bleiben. Bhakti ist auch ein Ausgleich in unserer überintellektualisierten Welt und ist ein wunderbares Mittel gegen „intellektuelle Verstopfung“.


„Der Intellekt ist eine sehr begrenzte Möglichkeit, zu tieferer Erkenntnis zu gelangen; dennoch wird er in der westlichen Welt überaus hoch bewertet. Erst wenn man Erfahrungen gemacht hat, die den Horizont des Intellektes bei weitem übersteigen, wird man die Bedeutungslosigkeit des logischen Denkens, wenn es um höhere Erfahrungen und Einsichten geht, klar erkennen und richtig bewerten können.“
Swami Satyananda

Es ist bemerkenswert, dass selbst rationale, intellektuelle Menschen, die über eine gewisse Zeit Yoga praktizieren, mehr und mehr das Gefühl des Bhakti erfahren. Das Potential des Bhakti im Menschen kann durch jeden Yoga-Weg geweckt werden!

Die Grundlagen der anderen Yoga-Wege lassen sich geistig-intellektuell erörtern, doch beim Bhakti Yoga stoßen einerseits die Möglichkeiten unserer Sprache, andererseits die Strukturen unseres Geistes an ihre Grenzen. Bhakti ist reines Gefühl - und lässt sich Gefühl wirklich beschreiben und erklären?
Nehmen wir das Gefühl der Verliebtheit. Da ist in dem jungen Menschen die erste Liebe entflammt und das Gefühl ist so groß und übermächtig, dass er oder sie gar nichts anderes denken kann als an den geliebten Menschen. Man fragt nicht, man erklärt nicht - es brennt einfach. Ähnlich ist dieses Brennen, dieses innere Feuer, im Bhakta, im Menschen, der in der Anbetung Gottes entflammt ist.

 

Religionen und Bhakti

Das Bedürfnis des Menschen, ein höheres Wesen anzubeten, dem er Weisheit, Liebe und Macht über Leben und Tod zuschreibt, gehört zu den ältesten und am tiefsten verwurzelten geistigen Bewegungen, denn wie weit wir die Geschichte des Menschen auch zurückverfolgen - zu jeder Zeit werden wir ein religiöses Leben, Anbetungen, Rituale und ähnliches finden.


Es haben sich fünf Weltreligionen und eine große Anzahl von religiösen Gruppierungen entwickelt. Die Bekenner jeder dieser Religionen behaupten, den allein seligmachenden Weg zu Gott gefunden zu haben, zu lehren und den richtigen, einzigen Gott anzubeten. Je stärker der Glaube an diese Ausschließlichkeit der eigenen Religion und je größer die Ablehnung Andersdenkender ist, desto stärker blüht der Fanatismus bis hin zum „Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen“.


Religiöse Institutionen und Kirchen sind menschliche Kreationen und damit ebenso fehlerhaft und unvollkommen wie alle anderen menschlichen Schöpfungen. Das Ego, Machtstreben und wirtschaftliche Faktoren spielen eine große Rolle, ebenso wie das Bestreben, „seine Schäflein unter Kontrolle zu halten.“
Bhakti Yoga ist eine geistige Haltung der Hingabe, der Liebe und ist damit völlig unabhängig von Organisationen und Institutionen. Bhakti Yoga kann jeder Mensch betreiben, ob er einer Kirche angehört oder nicht.


Es geht im Bhakti Yoga um das Fühlen und Erfahren einer universalen, inneren Göttlichkeit, und nicht um blinden Glauben aufgrund eines Dogmas oder um bestimmte Rituale. Deshalb kann Bhakti Yoga als überkonfessionell betrachtet werden - jeder Mensch, gleich welcher Religionszugehörigkeit, kann Bhakti Yoga mit den ihm vertrauten Riten, Formeln und Namen durchführen. Gott ist es nicht wichtig, in welcher Form, auf welche Weise du ihn anbetest, solange du nur tiefe Sehnsucht nach Ihm fühlst:
 „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“ (Mt 22,37)

Menschen, die sich bewusst und praktisch mit Yoga auseinandersetzen, können eine deutlich spürbare Vertiefung und Bereicherung ihres religiösen Lebens beobachten, gleich welchem Glauben sie angehören. Denn die zahlreichen Praktiken und Techniken des Yoga öffnen das Tor der inneren Wahrnehmung, verfeinern das „Gehör für die innere Stimme“ - sei es durch Asana und Pranayama, durch Meditation oder durch ethische Reinigung - wir gelangen mehr und mehr zu einem Fühlen und Erfahren, dass Gott in uns ist; so ist eine Vertiefung des Glaubens geradezu unvermeidlich. Doch dieser Glauben steht auf einem festeren Fundament als zuvor. Zuvor war er vielleicht mehr Dogma, jetzt aber ist er zu einer lebendigen Erfahrung geworden.

 

Bhakti als lebendige Erfahrung

Für die meisten Menschen ist Religion und Religiösität sehr eng mit Glauben verbunden. Wenn Bhakti auch in den ersten Phasen ähnlich „funktioniert“, so findet man doch durch vertiefte Praxis mehr und mehr zu einer neuen Ebene der Religiösität: Zu der Erfahrung.

 

Bhakti ist Erfahrung, so wie es bei allen Yoga-Techniken und Übungen um Praxis und Erfahrung geht. Der Bhakta will an Gott nicht nur glauben, Ihn nicht nur kennen - er will Ihn spüren, Ihn erfahren. Für viele Menschen ist Gott im Himmel, irgendwo jenseits, drüben, woanders. Bhakti Yoga lehrt, dass Gott ein inneres Sein ist, dem du dich durch Hingabe öffnen kannst, dass Gott etwas ist, das immer in dir und um dich ist; durch Bhakti Yoga lernst du, die Schranken, die dich von der Erfahrung „Gott“ getrennt haben, aufzulösen.

 

Über menschliche und göttliche Liebe

Göttliche Liebe, die zu erfahren das höchste Ziel des Menschseins ist, ist von dem, was wir gemeinhin als Liebe bezeichnen, grundverschieden.


Für den Menschen ist Liebe ein Gefühl, das er für einen Menschen oder etwas anderes empfindet; unsere Liebe ist zielgerichtet auf etwas, das wir besonders schätzen, ehren und begehren. Was wir als Liebe bezeichnen, ist zu einem großen Teil eine Mischung aus physischer Anziehung bzw. Verlangen, Brauchen und Erwartung - wie schnell sich dies ändern und ins Gegenteil verkehren kann, zeigen die Scheidungsstatistiken.


Universelle, göttliche Liebe dagegen ist nicht zielgerichtet; sie ist ein Strahlen, das IN dir ist, und das sich nach allen Seiten hin gleichermaßen ausbreitet. Der Mensch, der diese Liebe lebt und erfährt, bewegt sich in einem Feld andauernder, ununterbrochener Freude und Liebe allem Sein gegenüber. Die Berührung der weichen Erde oder eines Buches, das Vernehmen eines Klanges, ja ein einfacher Atemzug kann diesen Menschen in eine Ekstase göttlicher Freude emportragen. Denn wenn die Freude, die Reinheit, die Liebe IN dir ist, dann ist sie überall, wo du bist. Und diese Liebe ist auch niemals von etwas anderem abhängig als von deiner eigenen Reinheit.


Beginnst du erst, diese Art der Liebe in dir zu fühlen, so ist dein ganzes Leben verwandelt - in ein durch nichts begrenztes, durch nichts bedingtes unendliches Feld der göttlichen Wonne. Doch diese Liebe darf nicht ein abstraktes Gefühlsgebilde sein, sondern soll sich in jeder Situation äußern. Der Mensch, der gerade vor dir steht, das Problem, dem du dich gegenüber siehst - wenn all dies gleichsam den Stempel Gottes trägt, und du nicht anders kannst, als auf alles und jeden Liebe, Toleranz und Wohlwollen auszustrahlen, dann wisse, dass du mit der Quelle, mit der Liebe, mit Gott verbunden bist!


Das Gefühl dieser höchsten Verbundenheit, dieses wonnevollen Erfülltseins von göttlicher Essenz, welche alle irdischen Erfahrungen überstrahlt, das Wissen, dass neben Gott nichts existiert, und das in liebestrunkener Sehnsucht Hineingehen in diese Erfahrung - dies ist Bhakti.

 

Auszug aus "Ganzheitlicher Yoga"