Die Bedeutung der Entspannung II

Wir können den rechten Umgang mit Spannungen in drei Bereiche unterteilen: In Dinge, die wir tun oder anders tun können, in die Weise, wie wir die Dinge sehen und in die Yoga-Entspannungsübung.

 

1. Dinge, die wir tun oder anders tun können

 Die Kraft und Wirksamkeit der Achtsamkeit ist nicht nur in Stress-Situationen, sondern auch bei Krankheiten und allgemein in schmerzhaften Situationen ganz enorm. Dr. Jon Kabat-Zinn, international anerkannter Verhaltensmediziner, entwickelte ein 8-Wochen-Programm zur Reduzierung von Stress und zur Stärkung des Immunsystems: Auf seiner „Stress-Klinik“ wird als Hauptelement der Stress-Therapie Achtsamkeitsmeditation geübt. Allein durch das tägliche Praktizieren von vierzig Minuten Achtsamkeitsmeditation wurden erstaunliche Besserungen erzielt!
Achtsamkeit sollte sowohl in der Stress-Situation eingesetzt werden (Was ist geschehen? Wie fühle ich mich körperlich? In welchen Körperteilen fühle ich Veränderungen durch den Stress? Beobachten der Atmung) als auch vorbeugend durch tägliche Meditationspraxis. Mit einiger Übung kann man in Stress-Situationen die Position des neutralen Beobachters einnehmen, der zusieht, wie die Wellen der Gedanken- und Gefühlsimpulse sich aufbäumen, nur um innerhalb von wenigen Sekunden oder Minuten wieder in sich zusammenzusinken: Wir brauchen sie weder zu unterdrücken noch vor ihnen davon zu laufen.


Der Kampf-Flucht-Mechanismus aktiviert einen Schub Energie, der zumeist nicht verbraucht wird und sich nach innen wendet: Es entstehen Gifte, die den Körper stark belasten und erst langsam abgebaut werden. Körperliche Aktivität (laufen, tanzen, Kniebeugen...) arbeitet diese Energien ab und neutralisiert die Gifte.

Wenn wir dem Körper kein Entwarnungssignal geben, das stark genug ist, die Alarmsituation zu beenden, bleiben die Körpersysteme weiterhin auf „hochaktiv“ eingestellt. Um dieses Signal zu setzen, mag ein einfaches „Geschafft!“ genügen; es mag aber immer sinnvoll sein, eine neue, mit Entspannung assoziierte Tätigkeit zu beginnen, und sei es nur für wenige Minuten: Das Anhören oder Singen deines Lieblingsliedes, ein kurzer Spaziergang oder Sich-Hinsetzen und die Augen schließen.


Die Ernährung hat auch Wirkungen auf dein geistig-psychisches Befinden. Sattvige Nahrung hilft dir, innerlich zentriert und ruhig zu bleiben. Verzichte auf "Stress-Essen" (Süßigkeiten)!


Das Praktizieren von Asanas stärkt den Geist und die Psyche ebenfalls für Stress-Situationen: Der regelmäßig Asana-übende Mensch ist erfahrungsgemäß stress-resistenter als der „Nicht-Yogi“. Ebenso wirksam in dieser Hinsicht sind die Pranayamas!


Wenn wir in dem aufgehen, was wir gerade tun, wird dem Stress sehr viel seiner schädlichen Wirkung entzogen, denn dann befinden wir uns im Jetzt, während der Stress eng mit der Angst vor zukünftigen Ereignissen verbunden ist.


Wir können vorausschauend handeln und damit Stressfaktoren vermindern: Realistische Zusagen machen, sich selbst machbare Ziele setzen und Vermeiden von Leistungsdruck in der Freizeit mögen helfen, den Stress bereits im Vorfeld zu vermeiden.


Positive Beziehungen zu Menschen können innere Kraft und Ruhe aufbauen, während der Mensch in der Isolation dazu neigt, sich in Leistungsdruck unkontrolliert weiter hineinzusteigern. Das Pflegen eines Freundeskreises ist ein wichtiger Aspekt im Stress-Management!

 


2. Die Weise, wie wir Dinge sehen
Du hast sicher schon Kontakt mit deinem  „inneren Kritiker bzw. Antreiber" gemacht. Du kannst ihn schwächen, indem du dir die Frage stellst: „Was geschieht, wenn ich dies nicht sofort erledige, perfekt erfülle? Was geschieht, wenn es überhaupt nicht getan wird? Wenn ich um einige Minuten zu spät komme? Wie schlimm ist das für mich? Wie werde ich in zwei Jahren darüber denken?“


Stress entsteht oft aus dem Gefühl, keine Kontrolle über die Situation zu haben. Entsprechend ist es außerordentlich wirksam, sich jene Bereiche und Aspekte der Situation bewusst zu machen, über die man Kontrolle hat bzw. gewinnen könnte.


Die Wissenschaft des Yoga hat verschiedene Wege entwickelt, um zu einem inneren Gleichgewicht, einen Zentriertsein zu finden, welches der Stress-Situation wirksam entgegentritt. Besonders wertvolle Hilfe für eine entspannte Haltung im Alltag bietet der Karma Yoga, der sich direkt mit dem Denken und Handeln im täglichen Leben auseinandersetzt. Indem du konzentriert und bewusst handelst und gleichzeitig erwartungslos bist, kannst du alles, was kommt, viel leichter annehmen - und damit wesentlich entspannter und damit glücklicher und freier sein. So handelt der Körper, handelt der Geist, aber du selbst, dein innerstes Wesen, bleibst Beobachter. Und zwar ein entspannter Beobachter.
Der Raja Yoga stärkt durch Meditation und Achtsamkeit die Stressresistenz, Bhakti Yoga löst Spannungen durch die Hingabe an Gott, während der Jnana Yogi seine Identifikation mit Körper und Geist relativiert und auf diese Weise Distanz - und damit Entspanntheit - gewinnt.

 

3. Die Entspannungsübung

„Ich kann mich nicht entspannen.“ klagen viele Menschen. Aber sie können es lernen. Entspannung kann man lernen und trainieren wie alles andere. Entspannen zu üben hat deshalb so großen Wert, weil wir selbst im Schlafen nicht vollständig entspannt sind, geschweige denn im Wachzustand (auch wenn wir glauben, dass wir entspannt sind). Durch die Yoga-Entspannungsübungen erreichen wir eine Entspannungstiefe, die wir nie für möglich gehalten hätten.

Was geschieht in der Entspannungsübung?
Sobald die Muskeln vollständig entspannt sind, leiten sowohl die motorischen als auch die sensorischen Nerven keine Impulse mehr vom und zum Gehirn. Dadurch wird das Bewusstsein / das Gewahrsein des Körpers aufgehoben. Je tiefer du entspannst, desto mehr wirst du das Gefühl haben, das dein Körper nicht mehr da ist. Du fühlst dich leicht und freudvoll, da du den Körper vollkommen zurückgelassen hast. Dies erzeugt wunderbare Wirkungen: Die Zellen der Muskeln, der Nerven, der Blutgefäße entspannen vollständig und werden damit „erneuert“, revitalisiert. Ebenso kann aber auch der Geist entspannen, da es so gut wie keine Nervenimpulse von den Sinnesorganen mehr gibt. Zudem führt die Konzentration des Geistes auf die verschiedenen Teile des Körpers weg von der Beschäftigung mit Problemen und Sorgen hin zu neutralen Inhalten.

Techniken der Entspannungsübung
Im Laufe der Zeit, besonders mit Zunahme des Phänomens „Stress“, wurde eine Reihe von Techniken entwickelt, die uns helfen, zu einem Zustand der geistig-körperlichen Entspanntheit zu finden. Diese Techniken können, je nachdem, ob sie primär mit Worten, Bildern oder Gefühlen arbeiten, einer von drei Gruppen zugeordnet werden:

  • Verbale Techniken verwenden Worte, z.B. Affirmationen
  • Visuelle Techniken verwenden Bilder
  • Kinästhetische Techniken verwenden Gefühle

Jeder Mensch gehören primär einem dieser Typen an; der eine reagiert stärker auf Techniken, die Worte einsetzen, der andere bevorzugt geistige Bilder. So sprechen die unterschiedlichen Typen verschieden auf die genannten Entspannungstechniken an. Die Yoga-Entspannung kombiniert alle drei Arten von Techniken und wird damit jedem dieser Menschentypen gerecht.

 

Dieser Text wurde dem Buch "Yoga fürs Leben" entnommen.