Die Bedeutung der Entspannung I

Unser gesamtes Leben in Familie, Beruf und Freizeit ist auf Aktivität, auf Bewegung ausgerichtet. Die Begriffe „aktiv“, „Sport“ und „dynamisch“ haben in Alltag und Werbung längst eine positive Konnotation erhalten, während über Stille, Gebet und Meditation von vielen Menschen nur milde gelächelt wird. Unsere gesamte Lebensweise zielt nach außen, ist auf äußere Veränderung, auf Bewegung ausgerichtet und damit zumeist mit einem gewissen Spannungsmoment verbunden.


Unser Leben hat sozusagen „Schlagseite“ bekommen, es dominiert der männlich-aktive Aspekt mit allen Konsequenzen einer Leistungsgesellschaft, die nach dem Prinzip des „Schneller - Größer - Mehr“ lebt: Die Folgen sind Stress, Zeit- und Leistungsdruck, stressbedingte Krankheiten, Aggression und vieles mehr. Je stärker dieses Ungleichgewicht jedoch wird, desto mehr wächst die Bedeutung und Notwendigkeit des Ausgleiches, unserer weiblich-stillen Seite zu ihrem Recht zu verhelfen. Dies ist nicht lediglich ein theoretisch-philosophisches Konzept, sondern hat große Bedeutung für unser gesamtes Wohlergehen, im körperlichen ebenso wie im geistig-seelischen Bereich mit allen gesundheitlichen, sozialen und auch wirtschaftlichen Aspekten und Auswirkungen.


Während gelegentliche Stress-Situationen vom Körper und Geist gut kompensiert werden können (unsere Natur ist darauf eingerichtet), hat Dauerstress tiefgreifendere Folgen als den meisten von uns bewusst ist:


„Im Normalzustand erhalten die Skelettmuskeln (die willkürliche Muskulatur) einen dauernden schwachen Reizstrom, der den Muskeltonus und den Stoffwechsel der Muskelzellen aufrechterhält und schnelle Aktivierung im Notfall ermöglicht. Jede psycho-physische Störung, jede negative Emotion verursacht einen Konflikt im Gehirn - das Aussenden der Nervensignale zur Aufrechterhaltung des Muskeltonus wird gestört. In den allermeisten Fällen wird der Reizstrom erhöht und die Muskeln damit in einen dauerhaft höheren Spannungszustand geführt. Dies erhöht natürlich den Energieverbrauch. Ähnlich wäre es, wenn man beim Parken die Autobeleuchtung nicht abschalten würde. Nach einiger Zeit wird die Batterie entleert sein.“ 

Swami Satyananda

Im Fall des Menschen manifestiert sich dieser Energieverlust nach einiger Zeit als chronischer Müdigkeitszustand. Die Energie, die so in höherem Maße der willkürlichen Muskulatur zugeführt wurde, um die Spannung aufrecht zu erhalten, fehlt auf einer anderen Seite: Die vom Parasympathikus gesteuerten Funktionen des Verdauungs- und Ausscheidungstraktes, der Blutgefäße und die endokrinen Drüsen, die lebenswichtige Funktionen aufrecht zu erhalten haben, leiden immer öfter unter Energiemangel. Die Folge dieses Energiemangels ist eine Vielzahl von Zivilisationskrankheiten, die sich in den letzten Jahrzehnten signifikant ausgebreitet haben. Es entstehen Befindlichkeitsstörungen wie Müdigkeit, Ausgelaugtheit und Reizbarkeit, langfristig entwickeln sich Gesundheitsstörungen wie Bluthochdruck, Herzrhythmus-Störungen, Verdauungsbeschwerden, chronische Kopfschmerzen, Rückenschmerzen und Schlafstörungen.


Zusätzlich zu diesen stressbedingten Krankheiten wird ein durch Dauerspannung geschwächter Körper immer weniger imstande, sich gegen Krankheitserreger entsprechend zu wehren - wir werden anfälliger für Krankheiten aller Art. Zudem wurde festgestellt, dass ein Körper, der unter Dauerspannung steht, viel schneller altert!


Gesundheit und Kraft, ein glückliches und erfülltes Leben und ein Flug in höhere Sphären des Bewusstseins - ohne Entspanntheit und Loslassen ist all dies undenkbar.

 

Dieser Text wurde dem Buch "Yoga fürs Leben" entnommen.