Die Rettung des Beters

In einem einsamen Haus in einer Landsenke wohnte ein sehr geistiger, religiöser Mann. Er lebte allein, und er betete und meditierte fast den ganzen Tag, soweit er nicht im Haus oder im Garten zu tun hatte.


Eines Tages kamen Unwetter von den Bergen her gezogen. Sturmflutartig prasselte der Regen herab, die Bäche schwollen zu Flüssen an. Der Mann betete und meditierte, während draußen das Wasser kaum mehr im Boden versickern konnte und langsam rings um das Haus anstieg.
Er betete und meditierte weiter, während es draußen immer höher stieg, und als es durch Türen und Fenster brach, stieg er in den ersten Stock hinauf und betete weiter.


Doch der Regen wurde nur noch stärker, ringsum wurden Boote mit den anderen Menschen der überschwemmten Gegend zu den höherliegenden Landesteilen gerudert. Eines der Boote kam näher und ein Feuerwehrmann rief durch das Fenster im ersten Stock:
„Kommen Sie, schnell, das Wasser steigt immer weiter“.
Der Mann aber rief zurück: „Ich habe mein Lebtag lang hier gewohnt und immerzu gebetet und meditiert. Gott wird mich retten. Macht euch um mich keine Sorgen!“
Noch mehrmals versuchte der Feuerwehrmann den Bewohner zu überreden, doch er bekam immer die gleiche Antwort. Schließlich fuhr das Boot weiter.


Der stille Beter geriet immer tiefer in religiöse Ekstase, sah und hörte kaum noch, wie das Wasser immer höher stieg - schließlich kletterte er aber doch noch aufs Dach, als das Wasser schon den ersten Stock erreicht hatte. Dann saß er oben auf dem Dach und betete weiter.
Die Boote waren alle weg, und weit und breit konnte der Mann nur eine riesige weite Wasserfläche sehen. Er versank wieder in Meditation.
Es regnete weiter. Die Wassermassen begannen an den Mauern des Hauses zu nagen, das Haus erbebte und drohte einzustürzen.
Da kam ein Hubschrauber, der das Gebiet noch ein letztes Mal überflog, und entdeckte den Mann auf seinem Dach, das jeden Moment einstürzen konnte. Sie ließen eine Strickleiter zu ihm herab, aber er rief hinauf:
„Lasst mich hier. Ich bete weiter - Gott wird mich auf wundervolle Weise retten!“ Er weigerte sich, mit dem Helikopter fortzufliegen. Die Mannschaft musste den Mann zurücklassen und flog ab. Wenige Minuten später gab das Dach nach, der Mann sank in die Fluten und ertrank.


An der Himmelspforte sah er einen strahlenden Mann mit einem langen weißen Bart, der ihn kopfschüttelnd ansah. Das musste der liebe Gott sein.
„Warum hast du mich nicht gerettet, oh Herr? Ich habe so viel gebetet - und dennoch ließest du mich in den Fluten ertrinken!“
Gott schüttelte wieder den Kopf „Ich habe dir ein Rettungsboot geschickt und dann noch einen Hubschrauber. Warum bist du nicht eingestiegen?“


Gott hilft uns immer und Er gibt uns Zeichen. Es ist an uns, die Hilfe anzunehmen und die Zeichen zu erkennen. Je mehr wir Seine Hilfe in einer bestimmten Form und Weise erwarten, umso größer wird die Gefahr, dass wir sie nicht erkennen, wenn sie da ist.

 

 

Aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna Paul Nathschläger


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