Der vedantische Löwe

Eine Löwin wurde, kurz nachdem sie ihr Junges zur Welt gebracht hatte, von einem Jäger getötet. Das Löwenbaby lag nun allein in der weiten Steppe. Zu seinem Glück kam jedoch noch am gleichen Tag eine Schafherde vorbei und eine mitleidige Schafsmutter beschloss, das Löwenjunge zu adoptieren und gemeinsam mit den eigenen Kindern aufzuziehen.


So wuchs das Löwenkind heran, lernte von seinen neuen Freunden, was ein Schaf wissen muss: Wo man die saftigsten und würzigsten Gräser findet, wie man wie ein Schaf blökt und vor allem, dass man sich vor den großen, gefährlichen Löwen in Acht nehmen muss. Der junge Löwe lernte das alles und beherzigte es; er glaubte tatsächlich, ein Schaf zu sein!


So vergingen einige Jahre, und der Löwe war nun ausgewachsen, groß und mächtig. Obwohl er die anderen Schafe an Größe und Kraft weit überragte, hielt er sich noch immer für ein Schaf. Da kam eines Tages der gefürchtete Löwenkönig aus den Bergen, um sich ein Schaf zu reißen. Er traute seinen Augen kaum, als er inmitten einer Schafsherde einen Löwen friedlich grasen sah!


Erschreckt floh nun die Schafsherde und mit ihr das "Löwenschaf". Der Löwenkönig änderte nun seine Pläne, fing den flüchtenden Schafslöwen ein, der vor Angst zitterte, und brüllte ihn an: „Bist du verrückt? Was machst du hier in der Schafsherde? Frißt du Gras???“
„Was soll ich sonst fressen, ich bin doch nur ein kleines, schwaches Schaf. Bitte tu mir nichts, lass mich laufen. Ich will zu meiner Familie zurück!“


Doch der mächtige Löwe zerrte den Schafslöwen zu einem nahen See und zwang ihn, hineinzuschauen. Da begann es in dem noch immer vor Angst schlotternden Löwen zu dämmern, und allmählich wurde es ihm klar: Er war ein Löwe, und kein kleines, schwaches Schaf.
Er erhob seine Stimme und – nach ein wenig Übung – brüllte er ebenso gewaltig wie sein Lehrer, mit dem er nun in die Berge zog.


Diese berühmte Geschichte vom „vedantischen Löwen“ illustriert die Grundbotschaft des Advaita Vedanta: Der Mensch hält sich für gefangen in seiner geistig-physischen Welt, identifiziert sich mit Name und Form, mit Körper und Besitz, mit Wissen und Ruf und vielem mehr. Dies ist das „Schafsbewusstsein“. Tatsächlich aber ist der Mensch ein göttliches Wesen, ewig, unbegrenzt, ein Kind des kosmischen Bewusstseins. Er ist Löwe – der jedoch glaubt, ein Schaf zu sein. Der spirituelle Weg ist der Weg, der uns zurückführt vom Bewusstsein der begrenzten Form zum Erkennen und Erfahren unseres göttlichen Wesens.

 

Aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna Paul Nathschläger


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