Alles ist gut

Es war einmal ein König, der sich wie viele Landesregenten sehr für die Lebensweisheit der Yogis interessierte, denn er hatte erfahren, dass er von diesen Weisheiten sehr bei seinen Regierungsgeschäften und auch im persönlichen Leben profitieren konnte. Er war jedoch von seiner Arbeit so sehr in Anspruch genommen, dass er nicht die Zeit fand, die Yogis in ihren Höhlen aufzusuchen; so schickte er seinen Minister regelmäßig aus, um ihm Erkenntnisse und Einsichten von den großen Meistern zu bringen.


Als der Minister eines Tages wieder von seiner Weisheitssuche zurückkehrte und ihn der König nach seinen neuen Erkenntnissen fragte, sagte der Minister nur: „Alles ist gut.“ Das schien dem König jedoch zu kurz, zu einfach, zu wenig philosophisch. Er wollte genaueres wissen, doch der Minister wiederholte immer nur: „Alles ist gut, so wie es ist.“
Der König wurde ungehalten; er hatte sich mehr erwartet. Er diskutierte weiter mit seinem Minister, während er sich von seinem Barbier rasieren ließ. Doch gestikulierte er so aufgebracht, dass er dabei geschnitten wurde und blutete. Jetzt wurde er wütend, ließ den Barbier von seinen Wachen in den Kerker werfen und fragte den Minister: „Und: Wozu ist dieser Schnitt gut?“ Der Minister antwortete wieder: „Alles ist gut, so wie es ist.“


Da ließ der König auch den Minister in den Kerker werfen und rannte hinaus. Er ließ sich sein Pferd satteln und ritt aus dem Palast hinaus, immer weiter und weiter, sogar über die Grenze seines Königreichs hinaus, nicht ahnend, dass er in ein gefährliches Land gelangte, in dem Menschenfresser lebten.
Der König wurde gefangen und vorbereitet, um gekocht und gegessen zu werden, als man seinen Schnitt an der Wange entdeckte, die ihm morgens beim Rasieren beigebracht worden war. Die Wilden aßen jedoch nur makelloses Fleisch, das war das Glück des Königs – so wurde er wieder zurückgeschickt und kehrte, beim Heimreiten sehr nachdenklich und auch dankbar, wieder in seinen Palast zurück.


Er ließ sofort den Minister und den Barbier wieder frei und sagte zu seinem Minister: „Ich verstehe nun, dass vieles, was uns nicht gut erscheint, sich dennoch als gut herausstellt, denn hätte mich der Barbier nicht geschnitten, so wäre ich jetzt tot. Aber wo liegt das Gute daran, dass ich dich zu Unrecht in den Kerker werfen ließ?“
Der Minister sagte: „Auch dies war sehr gut, denn sonst hätte ich dich, wie immer, auf deinem Ritt begleitet. Da ich aber unverletzt bin, hätten mich in diesem Fall die Menschenfresser getötet!“


In allem das Gute zu sehen, kann unser ganzes Leben verwandeln. Viele Dinge mögen unangenehm und sogar schmerzhaft sein, doch mag man oft erst später erkennen, dass sie auch ihre gute Seite hatten. Vielleicht wurde durch einen Verlust der Keim für einen viel größeren Gewinn gelegt, vielleicht ist die innere, geistige Lehre mehr wert als das erfahrene Leid. Alles ist gut, so wie es ist. Überdies erfahren wir schon allein durch die Haltung des Annehmens einen inneren Frieden und eine Gelassenheit, die vielleicht der größte Gewinn ist!

 

 

Aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna Paul Nathschläger


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