Der Nutzen der spirituellen Praxis

Teil 2 - Die Praxis

Viele von uns haben im Laufe ihres Lebens eine spirituelle Praxis wie etwa Yoga oder Meditation begonnen. Die wenigsten haben diese Praxis aber für einen längeren Zeitraum aufrecht erhalten. Der folgende Beitrag soll dazu dienen, all diesen Menschen überzeugende Gründe zu praktizieren zu liefern und es ihnen damit einfacher machen, ihre persönliche Praxis zu beginnen und auch beizubehalten.

Die formale und die Alltagspraxis

Um sich eine persönliche Praxis zusammenzustellen, hat es sich bewährt, sie in einen formalen Teil und eine Alltagspraxis zu unterteilen. Bei der formalen Praxis geht es darum, regelmäßig und zu einer bestimmten Zeit
ganz bewusst den Alltag zu unterbrechen und auf die Yogamatte oder das Meditationskissen zu kommen. Mithilfe dieser formalen Praxis bekommen wir einen Geschmack von der Stille und schaffen neue Gewohnheiten, die wir dann mit der Alltagspraxis in unser tägliches Leben mitnehmen können.
Sowohl für die formale Praxis wie auch für die Alltagspraxis gibt es zum einen die Meditationstechniken, die an der Ursache unseres Leids – dem Sich-Verlieren in Gedanken - ansetzen und direkt Bewusstsein und Stille stärken. Zum anderen können wir „unterstützende Übungen“ nutzen, die auf der Symptomebene ansetzen und direkt die verschiedenen Aspekte der Freude, wie Liebe, Zufriedenheit oder Dankbarkeit stärken. Im Optimalfall wählst du aus jedem dieser beiden Ansätze eine oder mehrere Techniken aus und stellst dir daraus deine individuelle Praxis zusammen.


Beispiele für Techniken, die sich für die formale Praxis eignen, sind die Atemachtsamkeit, Yoga-Asanas, eine Mantra-Meditation oder die Übung der liebenden Güte. Techniken für die Alltagspraxis sind beispielsweise das achtsame Zuhören oder die Übung der Dankbarkeit. Auf meiner Hompage www.innerjoy.at findest du (fast) jede Woche eine neue Übung beschrieben. Wenn eine dieser Übungen dein Herz anspricht, dann bleibe bei ihr und mache sie zu deiner persönlichen Praxis. Lass dich nicht davon stressen, dass es so viele unterschiedliche Techniken gibt. Sie sind nur verschiedene Türen zu Bewusstheit und Stille und es geht nicht darum, sie alle zugleich zu öffnen. In letzter Konsequenz reicht eine einzige dieser Techniken aus, um den Raum für all die Aspekte der inneren Freude zu schaffen und zugleich jeglichem Leid die Nahrung zu entziehen. Die große Auswahl an Techniken gibt dir die Möglichkeit, jene zu finden, die zum aktuellen Zeitpunkt für dich passen.Bei der Zusammenstellung deiner Praxis ist es sinnvoll, sie so einfach und spielerisch zu
halten, dass es dir leicht fällt dranzubleiben.


Wenn du die Freude erfährst, die dir die Praxis schenkt, wird die Zeit, die du für sie aufzubringen bereit bist, ganz von selbst länger werden. Du läufst aber nicht Gefahr, dich in einem „sollte“ zu verlieren, was schon so manchen Praktizierenden durch eine Hintertüre zurück ins Denken geführt hat.

 

Deine persönliche Praxis beginnen

Um sofort mit deiner Praxis beginnen zu können, biete ich dir im Folgenden ein Praxisdesign, dessen Zusammenstellung für viele Menschen ein guter Einstieg in ihre persönliche Praxis ist.

 

Am Morgen
Am Morgen wähle einen bestimmte Zeit, in der du ein wenig Ruhe findest, nimm eine aufrechte und würdevolle Haltung ein und richte deine Aufmerksamkeit für fünf Atemzüge auf deine Ein- und Ausatmung. Du kannst in Gedanken mitzählen (einatmen 1, ausatmen 1, einatmen 2, ausatmen 2, …) oder die Finger einer Hand nacheinander heben und absenken. Achte darauf, deinen Atem nicht zu beeinflussen, sondern ihn so anzunehmen, wie er in diesem Moment gerade ist, denn damit übst du, die Kontrolle loszulassen und dich dem Leben hinzugeben. Wenn ein Gedanke deine Aufmerksamkeit vom Atem ablenkt (und dies kann auch während der kurzen Dauer von fünf Atemzügen mehrmals geschehen), dann nimm dies mit Heiterkeit zur Kenntnis und kehre einfach freundlich zum Atem zurück. Damit übst du Wertfreiheit und Humor. Die Bewegung aus Abschweifen und Zurückkehren trainiert zusätzlich auch noch deinen „Achtsamkeitsmuskel“. So wirst du dich immer seltener in deinen Gedanken verlieren und immer mehr in deinem Zentrum ruhen.

 

„Achtsamkeit ermöglicht uns zu entscheiden, ob wir auf einen Gedankenzug aufspringen wollen oder nicht, beziehungsweise, wenn wir unwillkürlich aufgesprungen sind, ermöglicht sie uns, bei der nächsten Station auszusteigen, statt bis zur Endstation mitzufahren.“ Sarah Silverton

 

Mache diese Übung wenn möglich jeden Tag und immer zur gleichen Zeit, denn das hilft dir, neue Gewohnheiten zu schaffen.

Tagsüber
Während des Tages richte deine Aufmerksamkeit – wann immer es dir einfällt – für einen Atemzug auf deine Atmung. Bleibe für die gesamte Dauer der Einatmung, der Ausatmung und der Pausen dazwischen bei deinem Atem und richte die Aufmerksamkeit dann wieder zurück in deinen Alltag.

 

Wenn du in einem Gespräch bist, praktiziere das „Achtsame Zuhören“: Statt das Gehörte sofort mit deinen eigenen Vorstellungen zu vergleichen, es zu bewerten oder zu überlegen, welche Auswirkungen es auf dich hat oder welche Antwort du geben wirst, versuche innerlich ganz still zu werden, zuzuhören, ohne zu vergleichen, zu analysieren oder zu bewerten.

 

„Zuhören ist eine Kunst für sich, eine häufig verlorengegangene Kunst, denn viele Menschen schalten ab, wenn ein anderer Mensch spricht oder sie denken bereits darüber nach, was sie als Antwort geben werden. Den Worten eines anderen wirkliche Aufmerksamkeit zu
schenken, ist ein großes Geschenk, das eine Unterhaltung sehr beleben und viel bedeutungsvoller machen kann.“ Larry Rosenberg


Dabei kann es hilfreich sein, sich über den Körper im Jetzt zu verankern. Eckhart Tolle rät uns, mit dem ganzen Körper zuzuhören, indem man das innere Energiefeld des Körpers wahrnimmt, während man zuhört; Larry Rosenberg empfiehlt, während des Zuhörens auch einen kleinen Teil der Aufmerksamkeit
auf den Atem zu richten; und Osho ermuntert uns, mit dem Herzen zuzuhören, also zuzuhören, als hätten wir keinen Kopf, als wären die Ohren stattdessen direkt mit dem Herzen verbunden. Durch achtsames Zuhören gewinnen nicht nur wir selbst, zugleich bekommt unser Gesprächspartner einen Raum, um sich auszudrücken und wahrgenommen zu werden, statt dass unser Denken diesen Raum ausfüllt. Dies ist eines der größten Geschenke, das Menschen einander machen können, denn damit ermöglichen wir dem Leben, sich auszudrücken. Wenn dein Gesprächspartner ein Problem zum Ausdruck bringt, und du gibst ihm den Raum dafür, dann bewirkt dies automatisch Entwicklung, denn Entwicklung ist ein Kennzeichen des frei fließenden Lebens. Damit wächst ganz von selbst das Problemlösungspotential in unserem Gegenüber. Oft entsteht
dadurch die Lösung eines Problems im Sprechenden selbst - und das ist eine bessere Lösung, als es unsere
Antwort je sein kann. Wenn also jemand mit einem Problem zu dir kommt, versuche einmal, keine Ratschläge zu geben, nicht zu bemitleiden, nicht einmal zu trösten, sondern einfach nur achtsam zuzuhören.

 

„Der Glaube, wir müssten Situationen in Ordnung bringen und dafür sorgen, dass es anderen wieder besser geht, hindert uns daran, präsent zu sein.“

Marshall Rosenberg

 

Am Abend

Wenn du abends im Bett liegst, mache dir drei Dinge bewusst, für die du an diesem Tag dankbar sein kannst und spüre dann für ein paar Atemzüge in deinen Herzraum - den Bereich zwischen den Achselhöhlen - hinein. Die Aufmerksamkeit auf dieses Zentrum zu richten, bringt uns vom Kopf in den Körper und beruhigt dadurch unsere Gedanken. So entsteht Raum für die Aspekte der inneren Freude, zu denen auch die Qualitäten Liebe und Frieden zählen. Das Wahrnehmen des Herzraumes stärkt aber zusätzlich auch direkt den Frieden und die Liebe in uns, da diese mit dem Herzzentrum verbunden ist. 

 

„Das Herz ist von Natur aus die Quelle des Friedens. Du brauchst also nicht erst etwas herzustellen, du triffst einfach nur auf eine Quelle, die immer sprudelt.“ Osho

 

Diese Übung eignet sich hervorragend, um sie unmittelbar vor dem Einschlafen zu praktizieren und ist besonders hilfreich, wenn du unter Schlaflosigkeit leidest. Praktiziere diese Techniken für einen bestimmten Zeitaum - zum Beispiel für zwei Monate – möglichst regelmäßig. Du kannst dabei nichts verlieren, außer vielleicht ein wenig Zeit. Gewinnen kannst du einen Geschmack von Stille und Bewusstheit. Dies wird früher oder später den Wunsch in dir wecken, deine Praxis auszudehnen. Und langsam wird das Denken – das eine der großartigsten Errungenschaften der Evolution ist – dir immer mehr dienen, statt dich zu beherrschen. Zugleich wird die stille Freude am Sein dein Leben heller und heller erleuchten - unabhängig von der Unvollkommenheit und Endlichkeit des jeweiligen Augenblicks.

 


Autorin

Dr. Gilda Wüst ist Leiterin unserer Meditationslehrer-Ausbildungen

www.innerjoy.at

Dr. Gilda Wüst

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