Die fünf Yoga-Wege

Die fünf Yoga-Wege bilden in ihrer Gesamtheit das, was wir heute unter Yoga verstehen, sie beschreiben die wesentlichen Grundgedanken des Yoga. Ein kurzer Überblick über das geistige Grundgefüge des Yoga.

 

Ein Überblick

Der Mensch verfügt, um sich in der Welt zu bewegen und auszudrücken, über unterschiedliche Formen von Kräften und Potentialen: Er verfügt über Geistes- und Erkenntniskraft, über emotionale Energie, Handlungskraft und natürlich über physische Kraft. Yoga setzt bei der Erkenntnis dieser Potentiale an, um den Menschen über die gezielte Entwicklung und Nutzung dieser Kräfte zu vollkommener Entwicklung und Entfaltung seines Lebens zu führen. So haben sich schon vor über 2000 Jahren die ersten der Yoga-Wege zu entwickeln begonnen – heute verfügen wir über ein reiches Instrumentarium von ausgereiften und hochwirksamen Methoden und gedanklichen Ansätzen des Yoga, die wir in den fünf Yoga-Wegen zusammengefasst finden.


Vor vielen Jahren habe ich mich gefragt, was denn im Yoga die wesentlichen Elemente sind. Wenn ich in ein fernes Land reisen würde und nur wenige Dinge des Yoga „einpacken“ könnte, welche wären mir die wichtigsten? Auf der Liste, die ich anfertigte, standen:
-    Meditation
-    Asanas und Pranayamas
-    Vairagya, das Loslassen
-    Hingabe an Gott
-    Erwartungsloses und achtsames Handeln.


Und ich war erstaunt, als ich erkannte, dass ich, ohne es zu beabsichtigen, die Schlüssel-Faktoren der fünf Yoga-Wege aufgelistet hatte: Meditation ist das Hauptinstrument des Raja Yoga, Asanas und Pranayamas jene des Hatha Yoga, Vairagya steht für das im Jnana Yoga angestrebte Loslassen, Hingabe an Gott ist die Essenz des Bhakti Yoga und das erwartungslose Handeln ist Fokus im Karma Yoga.
Die fünf Wege sind also:

1.    Raja Yoga, der Weg der Kontrolle des Geistes,
2.    Hatha Yoga, der Weg der Energie,
3.     Jnana Yoga, der Weg der Erkenntnis.
4.     Karma Yoga, der Weg des Handelns,
5.    Bhakti Yoga, der Weg der Hingabe an Gott.

Sehen wir uns nun die Grundgedanken dieser fünf Yoga-Wege an.
 

1. Raja Yoga - der Weg der Kontrolle des Geistes

Die Grundidee des Raja Yoga ist einfach. Sie besagt, dass alle Probleme und alles Leiden des Menschen aus der Tätigkeit des Geistes entstanden sind und dass folglich die Lösung auch im Geist gesucht werden muss. Raja Yoga, der königliche Yoga-Weg (Raja bedeutet König) strebt die Kontrolle und Konzentration des Geistes an.


Der Geist wird im Raja Yoga mit einem See verglichen, dessen Oberfläche durch dauernden Wind aufgeraut wird, sodass unser Spiegelbild nicht erkennbar ist. Erst durch das Nachlassen des Windes - unserer geistigen Bewegungen - beruhigt sich die Wasseroberfläche und wird schließlich zu einem Spiegel, in dem wir unser wahres Selbst erkennen können.


In stets tiefer werdenden Meditationen wird das Denken beobachtet und der im Inneren wachsenden Stille Raum gegeben, während die Gedanken abklingen und der Meditierende ruhig und friedvoll in seiner Mitte ruht.


Aber nicht nur in der Meditationsübung wird diese Stille gepflegt, sondern auch im Alltag, wo die in der Meditation genährte Stille fortwirkt und vertieft wird: Man beobachtet die Tätigkeit des Geistes bei den alltäglichen Handlungen, nimmt Abstand von Wollen und Nichtwollen, von Urteilen, Hoffnungen und Ängsten, indem man sein Leben vollkommen in dem Augenblick des Hier-Jetzt konzentriert.


Raja Yoga lehrt, dass unser wahres Selbst, das, was wir im Grunde sind, hinter einem Schleier von Gedanken, Urteilen, Ängsten, Erwartungen usw. verborgen liegt. Die Meditation ist die systematische Übung, den Schleier geistiger Bewegungen aufzulösen, und einen freien, klaren Blick auf unser wahres Selbst freizugeben – und zu erfahren, was wir wirklich sind, denn hier führt das Erkennen direkt zum Erfahren – zu tiefem Frieden, höchster Freude und Verbundenheit.

2. Hatha Yoga - der Weg der Energie

Der Begriff Hatha setzt sich aus zwei Teilen zusammen, Ha und Tha: Ha steht für das Sonnen-Prinzip und Tha für das Mond-Prinzip. Sonne und Mond versinnbildlichen die in jedem Menschen und tatsächlich in jedem lebenden Wesen wirksamen Energiequalitäten: unser männlicher und weiblicher Energieaspekt, Logik und Kreativität, Aktivität und Stille usw. Das Ziel des Hatha Yoga ist es, einen harmonischen Gleichklang zwischen diesen elementaren Kräften im Menschen herzustellen und zu erhalten. Das Ergebnis ist ein seelisch-emotionaler Gleichgewichtszustand, eine innere Harmonie und Ruhe, die für die meisten Menschen eher einen recht seltenen Ausnahmezustand darstellt als ein normales Befinden.


Zudem erhöhen die Hatha-Yoga Übungen das Energieniveau des Menschen und das macht sich in allen Bereichen des Lebens positiv bemerkbar: Lebensfreude, Mut und Zuversicht nehmen zu, die Abwehrkraft gegen Krankheiten verbessert sich und vieles mehr.


Die Wirksamkeit des Hatha Yoga
Das Ergebnis langer Studien der energetischen und psychischen Strukturen des Menschen war die Entwicklung jener hochwirksamen Körper- und Atemtechniken des Hatha Yoga, die heute auf der ganzen Welt geübt werden. Ihre bemerkenswerte Wirksamkeit beziehen diese Techniken aus der Tatsache, dass es sich nicht um rein körperliche bzw. Atemübungen handelt, sondern um Energieübungen, die den Körper bzw. die Atmung als Instrument einsetzen, um Energiemuster im Astralkörper zu verändern. Aus der Veränderung der Energiemuster in den astralen Schaltstellen und Energiebahnen resultieren Veränderungen auf der physischen, geistigen, psychischen und seelischen Ebene. Diese Veränderungen führen dazu, dass man sich nach dem Yoga-Üben allgemein besser, heller, klarer, optimistischer und reiner fühlt.


Prana, die Lebensenergie
Der Schlüsselbegriff im Hatha Yoga ist PRANA. Prana ist die Lebensenergie, die für alle Manifestationen des Lebens verantwortlich ist. Die Pranamenge, -qualität und -bewegung bestimmt das Schicksal unseres Körpers, unserer Gedanken, unseres ganzen Lebens. Hatha Yoga ist die Wissenschaft, die direkt in diese Pranastruktur eingreift und diese mit unglaublicher Effektivität stärkt und balanciert.


Die Techniken des Hatha Yoga
Seit dem Beginn des Hatha-Yoga etwa ab dem 11. Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurden Techniken entwickelt, die die beschriebenen Wirkungen auf unseren Pranakörper hervorbringen. Dazu gehören Körperübungen (Asanas), Atemtechniken (Pranayamas), spezielle Energiesiegel (Mudras und Bandhas) und Reinigungstechniken (Kriyas) sowie spezielle Formen der Meditation.

3. Jnana Yoga - der Weg der Erkenntnis

Jnana Yoga strebt das Erkennen der tieferen Zusammenhänge unseres Seins an: Was ist wirklich, was ist unwirklich? Wer ist dieses Ich, das sagt: Ich bin, Ich will....? Was in mir ist das, was bleibt nach dem Tod? Welcher Teil von mir ist vergänglich, veränderlich und damit nicht wirklich? Der Jnana-Yogi sucht diesen „wahren“ Teil seiner selbst zu erkennen und klar von den vergänglichen Erscheinungen der Welt zu unterscheiden.


In der Jnana-Yoga Meditation geht es darum, die Identifikation mit allen Dingen der „Maya“ (Maya bedeutet „Scheinwelt“, unwirkliche Welt) zu lösen, die unendliche Allgegenwart (die in Bhakti Yoga „Gott“ und im Jnana Yoga „Brahman“ genannt wird) zu erfühlen und sich allein mit diesem höchsten, stets gleichbleibenden Sein zu verbinden.


Zur Darstellung und Verdeutlichung der Jnana-Yoga-Philosophie werden oft Gleichnisse verwendet. Eines dieser Gleichnisse stellt das Wesen der Wolken jenem des Himmels gegenüber: Die Eigenschaft der Wolken ist die Vergänglichkeit der Existenz und der Formen, während der Himmel unveränderlich und durch die Wolken nicht berührbar ist. Die Wolken können den Himmel lediglich verdecken, aber nicht berühren, verletzen oder verändern, sie befinden sich auf einer grundlegend anderen Seinsebene. Die Wolken entsprechen den veränderlichen Ausdrücken unseres Daseins, den physischen, geistigen, energetischen und emotionalen Erscheinungen, während der Himmel für das „dahinter liegende“ göttliche, unendliche Sein steht.


Der Jnana-Yogi strebt die klare Unterscheidung der verschiedenen Seinsebenen an, er möchte zwischen Wirklich und Unwirklich, zwischen Wolken und Himmel, zwischen beständigem göttlichem Sein und flüchtiger, vergänglicher Form klar zu unterscheiden lernen. Er will mit seinem ganzen Wesen eins werden mit der höchsten, der letzten Wirklichkeit. Der Jnana Yogi weiß, fühlt und erfährt, dass Körper und Geist nur veränderliche, begrenzende Hüllen sind für das Unendliche, Göttliche, für „Brahman“. Und dieses Unendliche ist es, was – gleich dem Himmel im Gleichnis - immer gleichbleibt, unveränderlich und unzerstörbar.
Diese Zusammenhänge zu verstehen und zu akzeptieren ist jedoch nicht genug. An sie zu glauben ist nicht genug. Es gilt, mit ihnen verschmelzen, sie vollkommen in das eigene Wesen integrieren, sie von innen heraus zu leben - dann wird der Jnana Yoga Früchte tragen.

4. Karma Yoga - der Weg des Handelns

Viele Menschen haben in ihrem Berufs- und Familienalltag kaum Zeit für Körper-, Atem- und Meditationsübungen, doch wenn wir unser tägliches Handeln selbst als Übungsfeld verwenden, so können wir sechzehn oder siebzehn Stunden am Tag „Yoga üben“! Genau dies geschieht im Karma-Yoga, womit dieser Yoga-Weg zu einem sehr mächtigen Werkzeug der Selbsttransformation wird.
Das Prinzip des Karma Yoga ist es, unsere täglichen Handlungen zu spiritualisieren, das heißt, mit einer bestimmten Einstellung zu vollziehen:

  • Ich handle bewusst und konzentriert, achtsam und sorgfältig. Jede meiner Handlungen wird zu einem Kunstwerk. Durch das Beobachten der eigenen Gedanken, Gefühle und Widerstände während der jeweiligen Tätigkeit kann man viel über sich selbst lernen und auf diese Weise persönlich wachsen.
  • Ich tue, was zu tun ist, nicht was am einfachsten ist oder am meisten Spaß macht. Ich stelle meine Kraft der vorliegenden Aufgabe zur Verfügung und erfülle sie, so gut ich es vermag.
  • Ich handle selbstlos und ohne Früchte für meine Handlung zu erwarten. Ich erwarte keine Belohnung, kein Lob, und wenn man mein Handeln tadelt, so bin ich darüber nicht betrübt, denn ich weiß, ich habe mein bestes getan. „Tue deshalb, was getan werden muss, aber selbstlos und ohne persönliche Bindung. Wer völlig selbstlos handelt, gelangt zum höchsten Selbst.“  Bhagavad Gita 3,19
  • Ich habe bei allem Tun das Gefühl, dass DURCH mich gehandelt wird, dass mein Körper und mein Geist lediglich Vollzugsorgane sind, durch die sich die göttliche Weisheit und Liebe ausdrückt: „Wenn du schreibst, bewegt sich die Feder. Ist es die Feder, die schreibt?“
  • Ich handle so, wie es in dieser Situation für alle Beteiligten am besten ist, nicht für meinen persönlichen Vorteil; ich betrachte die Aufgabe aus einer höheren als der persönlichen Sicht und fühle mich als Teil des Ganzen.
  • Bei allem Handeln orientiere ich mich an den ethischen Gesetzen des Nicht-Verletzens, der Wahrhaftigkeit, des Nicht-Stehlens, der Selbstkontrolle und der Gierlosigkeit.

Im Karma Yoga geht es also um die Einstellung während der Handlung. Möglicherweise verändert sich die Handlung kaum (außer dass sie konzentrierter und achtsamer wird), doch die wirkliche Veränderung findet innen statt, im Denken und Empfinden.

5. Bhakti Yoga - der Weg der Hingabe an Gott

Jeder Mensch verfügt über ein gewisses Potential an „Gefühlsenergie“. Wenn wir diese Energie, die sich oft auf recht destruktive Weise ausdrückt (Hass, Aggression), umzuwandeln und zu kanalisieren vermögen, kann sie zu „Wasser auf der spirituellen Mühle“ werden und zu einer ungeahnten Entwicklung und zu schnellem Wachstum führen. Bhakti Yoga ist der Prozess der Umwandlung und Ausrichtung unserer emotionellen Energien; Bhakti Yoga verwandelt „Emotion in Devotion (Hingabe)“. Bhakti Yoga wird von vielen Yoga-Meistern als der in diesem Zeitalter schnellste und leichteste Weg zu Gott, als eine Art „Express-Zug“ zu geistiger Reinheit und Erweiterung des Bewusstseins bezeichnet.


Es geht im Bhakti Yoga um das Fühlen und Erfahren einer universalen, inneren Göttlichkeit, und nicht um blinden Glauben aufgrund eines Dogmas oder um bestimmte Rituale. Deshalb kann Bhakti Yoga als überkonfessionell betrachtet werden - jeder Mensch, gleich welcher Religionszugehörigkeit, kann Bhakti Yoga mit den ihm vertrauten Ritualen, Formeln und Namen durchführen. Alle rationalen, intellektuellen und dogmatischen Überlegungen, alle Diskussionen, auf welche Weise welche Gottheiten oder Menschwerdungen Gottes angebetet werden sollen, führen nirgendwohin, außer zu Spannungen und Spaltung zwischen den Menschen. Das Reich des Bhakti liegt jenseits des Geistes, des Intellekts und kann nur durch eigene Erfahrung, durch Hingabe an eine Form, die sich für den einzelnen richtig und „stimmig“ anfühlt, betreten werden.


Gott ist es nicht wichtig, in welcher Form, auf welche Weise du Ihn anbetest, solange du nur tiefe Sehnsucht nach Ihm fühlst:
 „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken.“  (Mt 22,37)

Menschen, die sich bewusst und praktisch mit Yoga auseinandersetzen, können eine deutlich spürbare Vertiefung und Bereicherung ihres religiösen Lebens beobachten, gleich welchem Glauben sie angehören. Denn die zahlreichen Praktiken und Techniken des Yoga öffnen das Tor der inneren Wahrnehmung, verfeinern das „Gehör für die innere Stimme“ - sei es durch Asana und Pranayama, durch Meditation oder durch ethische Reinigung - wir gelangen mehr und mehr zu einem Fühlen und Erfahren, dass Gott in uns ist; so ist eine Vertiefung des Glaubens eine natürliche Folge des Yoga-Übens.


Für die meisten Menschen ist Religion und Religiosität sehr eng mit Glauben verbunden. Wenn Bhakti auch in den ersten Phasen ähnlich „funktioniert“, so findet man doch durch vertiefte Praxis allmählich zu einer neuen Ebene der Religiosität: zu der Erfahrung. Bhakti ist Erfahrung, so wie es bei allen Yoga-Techniken und Übungen um Praxis und Erfahrung geht. Der Bhakta will an Gott nicht nur glauben, Ihn nicht nur kennen - er will Ihn spüren, Ihn erfahren. Bhakti Yoga lehrt, dass Gott ein inneres Sein ist, dem du dich durch Hingabe öffnen kannst, eine Seinsqualität, die immer in dir ist, dir immer offensteht. Bhakti Yoga lehrt dich, die Verbindung zu dieser Seinsqualität (wieder) herzustellen und dich an die unerschöpfliche Quelle von Liebe, Kraft und Weisheit anzuschließen.

Ganzheitlicher Yoga

In der Praxis wird nicht lediglich einer dieser fünf Yoga-Wege beschritten, sondern vielmehr eine Kombination, wobei der Schwerpunkt je nach persönlicher Neigung auf einen oder zwei der beschriebenen Wege gelegt wird. Der Vorteil des ganzheitlichen Yoga liegt in der Anpassungsfähigkeit an die Situation und Möglichkeiten des einzelnen Menschen und darin, dass alle Ebenen des Menschen angesprochen und entwickelt werden.


 „Eine einseitige Entwicklung ist nicht geraten. Handlung, Gefühl und Intellekt sind die drei Pferde, die vor den Körperwagen gespannt sind. Sie müssen vollkommen harmonisch und im Gleichklang arbeiten. Nur dann läuft der Wagen ruhig.
Nur der integrale Yoga bringt eine umfassende Entwicklung. Nur der Yoga der Synthese entwickelt Hand, Herz und Hirn und führt zur Vollkommenheit.“
Swami Sivananda


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