Die Pforten des Paradieses

Ein mächtiger Samurai beschloss, seine spirituelle Bildung zu vertiefen. So machte er sich auf, einen berühmten buddhistischen Mönch zu suchen, der als Einsiedler hoch in den Bergen lebte.


Als er ihn gefunden hatte, forderte er: „Lehre mich, was Himmel und Hölle sind!“
Der alte Mönch sah langsam zu dem muskelbepackten Samurai auf, der über ihm stand und musterte ihn von Kopf bis Fuß.

„Dich lehren?“ kicherte er. „Du musst sehr dumm sein, wenn du denkst, ich könnte einen wie dich etwas lehren. Schau dich an, du bist unrasiert, du stinkst, und dein Schwert ist wahrscheinlich verrostet.“
Der Samurai geriet in Wut. Sein Gesicht wurde rot vor Zorn, als er sein Schwert zog, um dem lächerlichen Mönch, der da vor ihm saß, den Kopf abzuschlagen.
„Das“, sagte der Mönch ruhig, „ist die Hölle.“


Der Samurai ließ sein Schwert fallen. Erst überkam ihn Reue, dann tiefe Zuneigung zu dem alten Mann.
Dass dieser Mönch sein Leben riskiert hatte, um einen völlig Fremden etwas zu lehren, erfüllte sein Herz mit Liebe und Mitgefühl. Tränen stiegen in seine Augen.
„Und das“, sagte der Mönch, „ist der Himmel.“


Viele Meister lehren nicht nur durch das gesprochene Wort, sondern provozieren ihre Schüler oder Gäste und führen damit zu tieferen Einsichten.
Der Mönch verwendete das Ego des Samurai, um ihn zu provozieren und ihm eine Lehre zu erteilen: Im Frieden, in der Liebe ist die wahre Größe des Menschen, nicht im Kampf und der Härte. So lehrt das Tao, dass das Weiche, Biegsame, Sanfte stets dem Harten, Starren überlegen ist.


aus "Die spirituelle Schatzkiste" von Arjuna P. Nathschläger