Yoga und Gesundheit II

Was ist Gesundheit?

"Der Gesunde hat hundert Wünsche, der Kranke nur einen."

Gesundheit wird von der Weltgesundheitsorganisation WHO als „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ definiert.

Der Yoga-Meister Swami Sivananda (1887 – 1963) schreibt über Gesundheit:


„Gesundheit ist ein Gleichgewichtszustand, in dem sich der Geist und alle Körperorgane in Harmonie befinden - der gesunde Mensch erfährt Friede und Glücklichsein und erfüllt seine Aufgaben mit Leichtigkeit und Freude. Gesundheit ist der Zustand, in dem man gute Verdauung und einen guten Appetit hat, der Puls und die Atmung normal sind, man über gesundes Blut, gesunde Nerven und einen ruhigen Geist verfügt - ein gesunder Geist in einem gesunden Körper, ein leuchtendes Gesicht und strahlende Augen."

 

Gute Gesundheit ist ein überaus wertvolles Gut. Ohne Gesundheit gibt es kein Glücklichsein. Gesundheit ist nicht lediglich Abwesenheit von Krankheit - sie schließt die vollständige Entwicklung der physischen, geistigen und spirituellen Ebene des Menschen ein. Gesundheit ist ein Zustand körperlich-geistigen Wohlseins.“

Gesundheit ist unser natürlicher Zustand und unser Geburtsrecht. Für viele Menschen scheint dies jedoch nicht selbstverständlich zu sein. Man ist  - vielleicht aus Bequemlichkeit oder mangels besseren Wissens – erstaunlich oft bereit, sich mit bestimmten Beschwerden abzufinden. Doch erst, wenn man weiß, dass der Zustand einer dem Alter entsprechenden vollkommenen Gesundheit grundsätzlich erreichbar ist, wird sich einem das Tor öffnen für eine Heilung, die das ganze Menschsein erfasst und weit über ein bloßes „Nicht-Krank-Sein“ hinausgeht.

Es ist wichtig zu verstehen, dass Gesundheit ein vielschichtiger und dynamischer Prozess ist, der durch unser Denken und Tun in jedem Augenblick beeinflusst wird. Den Weg zur Wiederherstellung und Erhaltung der Gesundheit zu reduzieren auf einen Faktor oder einige wenige Faktoren („Du musst nur mehr trinken!“ „Du musst nur diese oder jene Kur machen oder dich mehr bewegen, und du wirst gesund“) ist eine Übersimplifizierung, die der Komplexität der menschlichen Natur nicht gerecht wird. Gesundheit ist das Ergebnis eines Lebens, das sich im Einklang mit den Gesetzen der Natur und Gesundheit befindet. Ein Wiederherstellen der Gesundheit, welches sich nicht an diesen Gesetzen orientiert, sondern nur einzelne Symptome zu beseitigen sucht, wird keinen langfristigen und tiefgreifenden Erfolg haben. Mit der Entwicklung der ganzheitlichen Betrachtungsweise der Gesundheit (die in einigen Kulturen bereits seit vielen hundert Jahren bekannt ist und praktiziert wird) beginnt nun auch im Westen ein Umdenken – es findet ein Paradigmenwechsel statt.

 

 

Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen

Die herkömmliche Apparate- und Medikamentenmedizin stößt bei vielen Krankheiten an ihre Grenzen und sieht sich einem hauptsächlich aus dem Osten kommenden grundlegend unterschiedlichen Paradigma gegenüber, dessen Techniken und Ansätze mit westlich-wissenschaftlichen Methoden oft nicht nachvollziehbar, jedoch zumeist sehr wirksam sind.

Paradigma 1
Das „Mechanistische Paradigma“ ist in der modernen Instrumenten- und Medikamenten-Medizin vorherrschend und betrachtet den kranken Menschen als einen Apparat, bei dem bestimmte Funktionen gestört oder ausgefallen sind. Es gilt, diese Funktionen durch bestimmte Eingriffe wie Operationen, Kuren, Therapien oder Medikamente wieder herzustellen. Der Kranke stellt der Medizin seinen Körper zur Verfügung mit dem Auftrag, seine Funktionen zu „reparieren“. Dieses Paradigma hat explodierende Kosten hervorgebracht, ohne die Zahl der Kranken bzw. Erkrankungen reduzieren zu können.


Der im mechanistischen Paradigma gängige Heilungsansatz wird als reduktionistisch bezeichnet. Dieser von der westlichen Medizin, aber auch von vielen „alternativen“ Heilsystemen angewendete Ansatz versucht, die Komplexität des Krankheitsgeschehens auf einen Faktor oder Aspekt zu reduzieren und konzentriert die Heilarbeit dann mit einer oder mit wenigen Methoden auf diesen Faktor. Je nach Krankheit und dem Zielfaktor arbeitet man mit Medikamenten, Operationen oder anderen therapeutischen Techniken wie Massage, Bestrahlungen und Körperübungen.

 

Der dem reduktionistischen Ansatz zugrunde liegende Gedanke ist es, die Krankheit quasi als eigenständiges Wesen zu betrachten und zu bekämpfen. Der Nachteil dieser Betrachtungs- und Vorgangsweise ist, dass sich das erkrankte Individuum nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit befindet – man läuft Gefahr, das Gesamtbild aus den Augen zu verlieren. Weiters treten, insbesondere bei Behandlung mit Medikamenten, zumeist Nebenwirkungen auf, die neue Probleme in anderen Körpersystemen schaffen, sodass es zu Symptomverschiebungen kommen kann.

 

Der reduktionistische Ansatz ist damit ein Ansatz, der sehr stark symptomorientiert ist und dazu tendiert, den Ursachen und den die Krankheit begünstigenden Faktoren nicht ausreichend Aufmerksamkeit zu geben. Der Patient vertraut sich im reduktionistischen Ansatz weitgehend den Spezialisten und Krankeneinrichtungen an und verzichtet im allgemeinen darauf, mehr als notwendig an der Heilung selbst mitzuwirken.


Reduktionistische Vorgangsweisen und Methoden sollen jedoch nicht kategorisch abgelehnt werden; sie sind in vielen Situatio-nen, insbesondere wenn es um Schnelligkeit bzw. Dringlichkeit geht, angebracht und können als Teil einer holistischen Therapie durchaus sinnvoll angewendet werden.

 


Paradigma 2
Das zweite Paradigma, um das es auch in der Anwendung des Yoga geht, und das man „humanitäres oder ganzheitliches Paradigma“ nennen könnte, betrachtet nicht nur die Krankheitssymptome – die „Fehlfunktion der Körpermaschine“, ja, nicht nur den Menschen in seiner physisch-psychisch-energetischen Gesamtheit, sondern, mehr noch, den Menschen als Teil einer weitreichenden, komplexen und vernetzten Interaktion mit seiner Umwelt. Es ist ein systemischer Ansatz, der das grundlegende Problem in unnatürlicher Lebensweise, in übermäßigen Belastungen oder einer destruktiven geistigen Haltung gegenüber der Welt und der eigenen Umgebung erkennt. Der Heilungsansatz dieses ganzheitlichen Paradigmas ist naturgemäß umfassender und schließt Aspekte ein, die auf den ersten Blick mit der Erkrankung gar nichts zu tun zu haben scheinen.
Der diesem Paradigma entsprechende ganzheitliche, holistische Ansatz setzt simultan bei mehreren Faktoren an, und zwar mit relativ geringer Intensität, weshalb er auch oft als „Sanfter Weg“ bezeichnet wird. Man beginnt primär an der Wurzel der Erkrankung zu arbeiten und sucht die erste Ursache in destruktiven geistigen Mustern, die sich je nach Veranlagung des Menschen auf unterschiedliche Weise ausdrücken mögen. Man erkannte, dass das Konzentrieren auf Symptome, ohne nach der Ursache der Erkrankung zu fragen, bestenfalls vorübergehende Besserung zu erbringen mag.


Im Unterschied zum reduktionistischen Ansatz sind die Nebenwirkungen einer ganzheitlichen Behandlung durchwegs positiv: So mag eine umfassende Yoga-Therapie nicht nur das primäre Problem, etwa Bluthochdruck und Herzprobleme lösen, sondern, quasi als Nebeneffekt, auch ein Verschwinden oder Nachlassen von Kopfschmerzen oder Schlafproblemen bewirken.


Der ganzheitliche Ansatz sieht Yoga weniger als eine Medizin für eine bestimmte Krankheit, sondern mehr als einen das ganze Leben umfassenden Weg, sein Leben in Balance zu bringen und damit auch wieder gesund zu werden. Er legt mehr Gewicht auf die Denk- und Lebensweise des Menschen, etwa auf seine Ernährungs- und Schlafgewohnheiten und verlangt damit mehr als der reduktionistische Ansatz ein aktives Mitwirken und eine Übernahme der Eigenverantwortung seitens des Patienten.


Das holistische Paradigma ist damit für den Patienten zumeist „unbequemer“, denn es gilt, seine eigene, oft belastende oder krankmachende Lebensweise zu erkennen und zu verändern. Teil der erforderlichen Veränderungen mag es sein, über viele Jahre gewohnte und lieb gewordene Angewohnheiten abzulegen und etwa statt eines abendlichen Gasthausbesuches oder Fernsehfilms Körper- und Atemübungen oder ein sanftes Körpertraining durchzuführen.


Yoga ist im Grunde ein ganzheitliches, ein holistisches System; allerdings besteht die Möglichkeit und Gefahr, Yoga in reduktionistischer Weise einzusetzen („Weißt du nicht ein paar Übungen, die gegen Kopfschmerzen helfen?“...). Es liegt am Therapeuten oder Yogalehrer, ob Yoga seine volle, auf Ganzheitlichkeit beruhende Wirksamkeit entfalten kann.
 

 

Die moderne Medizin hat mit dem mechanistischen Ansatz in vielen Fällen von akuten Erkrankungen und Verletzungen ihre Berechtigung - dort, wo schnell eingegriffen werden muss. Auf der anderen Seite kann uns die konventionelle Medizin bei Fragen, die das Glücklichsein, Lebenserfüllung und Verbundenheit mit anderen betreffen, kaum Hilfe bieten. Bei diesen Fragen, die auch gesundheitliche Relevanz haben, sowie bei den meisten chronischen Beschwerden, ist der ganzheitliche Ansatz von außergewöhnlicher Kompetenz.


Yoga versucht nicht, mit der konventionellen Medizin zu konkurrieren, sondern vielmehr, sie auf sinnvolle Weise zu ergänzen. Yoga lässt sich auf hervorragende Weise mit anderen Heilverfahren kombinieren, ohne dass daraus schädliche Nebenwirkungen entstehen können.

 

Auszug aus "Yoga und Gesundheit" von Arjuna P. Nathschläger